Scarification – Banding, Cutting usw.

Diesen Artikel habe ich in Zusammenarbeit mit Thorsten Sekira (damals – Mitte 2004 – noch Wildcat München, heute Stigmata Inc. Köln) geschrieben. Wobei Thorsten seine Erfahrung und Fachwissen dazu beitrug (in Gesprächen und Stichpunkten) und ich daraus diesen Artikel formte. Weiter unten folgt der zweite Teil (entstand ebenfalls in Zusammenarbeit mit Thorsten Mitte 2005) ; „The Excellence of Cutting“ beschäftigt sich mit dem, was alles schief gehen kann und was ein gutes Cutting ausmacht!

Teil 1: Scarification

Wahrscheinlich ist Scarification (das Anbringen von Schmucknarben) nicht nur eine der intensivsten Formen der Body Modification, sondern nach Piercing und Tattoo auch die am meisten verbreitete und beliebteste Art den Körper zu verzieren. Mit Sicherheit ist Scarification aber die älteste Form der Body-Modification.

Oberflächlich betrachtet ist es ja auch die einfachste Art seinen Körper zu zieren und zu kennzeichnen – braucht es doch keine körperverträglichen Farben, Maschinen, Nadeln oder sonstiges besonderes Wissen sich eine Narbe zuzufügen. Scarification ist also die natürlichste Form des Körperschmucks, da der Körper selbst den Schmuck – die Narbe – produziert, ohne dass Fremdkörper wie Tattoofarbe oder Schmuck benutzt werden.
Kennt man bei verschiedenen Naturvölkern (z.B. Afrikas) Narben als Schmuck oder Kennzeichnung der Zugehörigkeit zu einem Clan oder einer Gruppe, sind uns in der westlichen Kultur Narben nur von Verletzungen her bekannt – sicher hat sogar fast jeder eine Narbe, ist also schon „verziert“. Allerdings geht es bei der Scarification nicht um Narben von Platzwunden am Kopf oder Schnitten, die bis auf den Knochen gehen sondern um kunstvolle Verzierung der Haut.

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Diese kunstvollen Narben der „Modern Primitives“ brauchen neben einem ganzen Schwung Erfahrung auch Anatomisches Wissen und vor allem steriles und ordentliches Arbeiten um das gewünschte Ergebnis eines „gesunden“ Narben-Motives zu erreichen.

Das Ergebnis
Das Ergebnis der Narbe hängt selbstverständlich stark von der Art der Wunde und der Technik mit der sie geschaffen wurde ab – allerdings bleibt jeder Scarification etwas natürliches und ursprüngliches – denn die Narbenbildung und das Narben-Bild lässt sich nicht mit der Präzision eines Tattoos vergleichen, welches ja größtenteils exakt planbar und filigran auszuführen ist. Bevor wir aber zu den verschiedenen Möglichkeiten des Anbringens einer Narbe kommen (Cutting, Branding …) möchten wir kurz auf die Narbenbildung der Haut allgemein ein gehen – es ist wichtig die Grundlage zu kennen um das Ergebnis planen und verstehen zu können.

Die Haut
Die Haut ist der äußere Schutzmantel des Körpers gegen die Außenwelt und ist in mehreren Schichten aufgebaut. Kommt es zu einer Verletzung der Haut, setzt der Körper also alles in Bewegung um dieses „Loch“ im Schutzmantel zu stopfen. Wird nur die äußerste Hautschicht verletzt heilt die Haut spurlos, nur bei tieferen Verletzungen die bis zur Lederhaut und der Unterhaut reichen bilden sich Narben.
Die Wundheilung verläuft in mehreren Phasen, zunächst bildet sich im Wundbereich ein sehr zellreiches Bindegewebe, das zahlreiche Gefäßsprossen enthält (Granulationsgewebe). Vom Wundrand her wächst dann die Regenerationsschicht der Oberhaut (Stratum Germinativum), danach setzt die Verhornung ein und die Wunde ist geschlossen, die Narbe gebildet. Vermehrt man nun gezielt das Granulationsgewebe durch beabsichtigte Verzögerungen der Wundheilung, kommt es an der verletzten Stelle zur gewünschten und vermehrten Narbenbildung.

Narbengewebe
Das Narbengewebe bildet sich allerdings nicht nur gleichmäßig und analog zur Art, Tiefe und Größe der Wunde sondern auch entsprechend der Behandlung und Bedingungen während der Wundheilung. Jeder kennt Narben, die an manchen Stellen dicker oder breiter ausgeprägt sind als an anderen Stellen, die Ursache ist nicht immer eine entsprechend geformte Wunde. Stellt man sich eine Narbe vom Bauchnabel zur Außenseite des Oberschenkels vor, würde sich diese z.B. beim Laufen unterschiedlich bewegen. Einige Teile der Narbe würden gedehnt, andere zusammengepresst und wieder andere bewegten sich gar nicht. Bei einer „natürlichen“ oder OP-Wunde würde das dazu führen, das die verheilte Narbe wegen der sehr unterschiedlichen „Beanspruchung“ der Haut während des Heilungsprozesses ungleichmäßig und uneben ist. Bei einer gezielten Scarification muss also dieser stufenweise Übergang der Hautunterschiede (Hautspannung und Dicke) mit der jeweils angewendeten Technik ausgeglichen werden. Im wesentlichen gibt es zwei Arten Scarifications zu erzeugen; das Schneiden (Cutting) und Brennen (Branding).

Cutting
Das Cutting (schneiden der Haut mit einem Skalpell) ist die technisch versierteste Art Narben gezielt zu setzen und gleichmäßige Ergebnisse zu erzielen. Mit dem Skalpell lässt sich sehr fein und ordentlich arbeiten, wenn auch die Ansprüche an die Technik und das Fingerspritzengefühl des Artists sehr hoch sind um die gewünschten Narben zu bekommen.
Mit verschiedenen Cutting Techniken lassen sich fast alle denkbaren Motive erzielen – so können auch großflächige Narben zum Beispiel durch Skin-Removal (Hautentfernung) realisiert werden.
Während sich das „normale“ Cutting auf das Schneiden und Entfernen der Haut beschränkt gibt es weitere Möglichkeiten wie das in ursprünglichen Kulturen Afrikas praktizierte „Packing“. Beim Packing wird ein tiefer schräger Schnitt gesetzt um eine Hauttasche zu bilden, in diese wird dann ein Objekt (meistens Ton) eingesetzt. Die Wunde wird dann verschlossen – eine massive Narbenbildung, welche den Fremdkörper ausstößt oder umschließt ist die Folge.
Eine weitere Cutting Technik ist das erzeugen von Narben mit der Tattoomaschine. Sicher kennt der ein oder andere vernarbte Tattoos von zu kräftig geratenen Tätowierer Händen – ärgerlich!
Aber genau dieser Effekt kann genutzt werden indem man die Tattoomaschine ohne Farbe laufen lässt, die (gespreizte) Nadel zu weit aus der Maschine kommen lässt um so im Vergleich mit einem Tattoo viel tiefer zu stechen. Allerdings ist die resultierende Narbenbildung meist nur schwach und ist bestenfalls in leicht geänderter Haut-Tönung zu sehen.

Branding
Das Branding teilt sich hauptsächlich in zwei Formen; Dem „Strike Branding“ – hier werden geformten Metallstempel mit z.B. einem Bunsenbrenner erhitzt und ähnlich dem Brandzeichen von Tieren auf die Haut gepresst. Diese Form des Branding ergibt in der Regel keine sehr schönen und regelmäßigen Narben.
Vermutlich ist das Strike Branding jedoch die gängigste Form des Branding obwohl mit dieser Methode keine kleinen und geschlossenen Formen gebrannt werden können und das gewünschte Design sich aus verschiedenen einfachen Grund formen zusammensetzen muss.
Eine nicht nur theoretisch alternative Form des Strike-Brandings ist das „Kälte-Branding“ hier wird anstatt mit Hitze, mit extremer Kälte gearbeitet. So kann ein Metallstempel, der zuvor in flüssiges Stickstoff getaucht wurde ebenfalls kräftige Narben durch die Verbrennung mit Kälte hinterlassen. Das Kälte-Branding dürfte allerdings wegen dem nicht ungefährlichem und umständlichen Umgang mit flüssigem Stickstoff eher selten sein.
Ein generelles Problem ist allen Formen des Strike Brandings gemein, ist die Hitze oder Kälte falsch dosiert kann es zu Gewebe-Anhaftungen am Stempel kommen, was beim zurückziehen zum Abreißen von Hautteilen führt.
Eine gute Alternative ist das „Cautery Branding“ – hier ist eine recht genaue „Steuerung“ des Motivs möglich, was später zu einem deutlich besseren Narbenbild führt. Beim Cautery Branding wird mit einem chirurgischen Gerät, dem so genannten „HF-Kauter“ die Haut mittels Strom verödet. Der HF-Kauter ist ähnlich dem Skalpell beim Cutting präzise und komfortabel zu handhaben.
Neben diesen beiden Gruppen der Scarification, Cutting und Branding mit all Ihren Spielarten, gibt es verschiedene andere experimentelle oder gewagte Wege die wir hier nicht unerwähnt lassen wollen.

Alternativen
Die Alternativen Wege zur Narbe sind aus unserer Sicht nicht empfehlenswert aber dennoch existent. Da wäre z.B. die „Chemical Scarification“ bei der mit Verätzungen der Haut mittels Auftrag oder Injektion von ätzenden Stoffen / Flüssigkeiten gearbeitet wird. Dosierung der Menge und Einwirkzeit dürften hier das hauptsächliche Problem sein.
Eine abenteuerliche Form der anderen Art ist das Entfernen von Haut unter Zuhilfenahme von technischem Gerät wie dem Dremel, mit dem die Haut wortwörtlich abgefräst wird. Keine besonders ratsame Methode, kennt man doch vom Fräsen in Holz und Metall den immensen Späne und Splitterflug, der durch die mechanischen Kräfte entsteht. Bezogen auf Haut und Blut sicher keine sehr angenehme und hygienische Vorstellung.

Heilung
Die Abheilung und Behandlung der noch frischen Wunde sind ohne Zweifel der wichtigste Part einer Scarification, denn hier liegt das „Geheimnis“ prächtiger und gelungener Narben. Zuerst möchten wir aber mit einem wilden Gerücht diesbezüglich aufräumen. So wird oft behauptet, das Einreiben von Tattoo-Farben in die Wunde (das sog. Ink Rubbing) würde kräftige farbige Narben ergeben – so besagt die Theorie das die Farbe wie bei einem Tattoo durch das neu gebildete Gewebe eingeschlossen wird. Die Praxis zeigt jedoch, dass die Farbe recht effektiv durch den Wundheilungsprozess als Fremdstoff vom Körper nach außen getragen wird.
Jede frische Scarification muss mit großer Sorgfalt behandelt werden, da dem Körper eine ziemlich große Verletzung zugefügt wurde und man die Wundheilung absichtlich verzögern muss um möglichst schöne und deutliche Narben zu erhalten. Die frische Wunde sollte immer nur mit sauberen Händen angefasst werden und während der Abheilphase sollte auf penibelste Hygiene im Allgemeinen geachtet werden.
Nach dem Schneiden oder Brennen sollte man die Wunde verkrusten lassen und um die Heilung zu verzögern ist es angebracht die Wunde unter sauberen Bedingungen kontrolliert zu reizen. Je nach Art, Dauer und Intensität ergeben sich dann verschieden gute Narbenergebnisse.
Je länger und intensiver die Reizung ist, desto mehr Narbengewebe wird erzeugt werden. Die Reizung erfolgt durch kontrolliertes Entfernen der Kruste und Öffnung der Wunde; dieses Öffnen und Entfernen erfolgt am besten nachdem man die Kruste vorher aufgeweicht hat (nach dem Duschen oder besser nachdem man die Wunde mit steriler Kochsalzlösung getränkt hat). Es gibt zwei bewährte Methoden die aufgeweichte Kruste komplett zu entfernen – entweder mit einer Pinzette abziehen oder mit einer weichen Zahnbürste die Kruste abreiben, für welche Methode man sich entscheidet, sollte jedem selbst überlassen sein. Ein weiteres Mittel, dass man verwenden kann wäre Betaisodona Wundsalbe. Diese jodhaltige Wund salbe ist ziemlich stark kristallin, diese feinen Kristalle eignen sich gut zum sauberen Reizen der Wunde (vor allem mit der Zahnbürste). Das Öffnen der Wunde stellt natürlich jedes Mal wieder ein Risiko dar, da der Körper wieder mit einer offenen Wunde konfrontiert ist. Nicht nur aus diesem Grund ist bei der Pflege von Cuttings wirklich auf peinlichste Sauberkeit zu achten.

Pflege
Diese „Pflege“ der Scarification erfolgt so lange sich neue Krusten bilden, die man entfernen kann. Das dauert in der Regel drei bis sechs Wochen in dieser Zeit bilden sich die Narben vollständig.
Zu Beginn sind die meisten Narben noch tief, werden jedoch mit der Zeit immer höher bis sie sich schließlich zu schönen erhabenen Narben entwickelt haben – den so genannten Keloid-Narben. Diese Transformation des Narbengewebes kann bis zu einem halben Jahr und länger dauern.
Die Narbenbildung wird von einem mehr oder weniger starkem Juckreiz begleitet, ähnlich dem Juckreiz eines verheilenden Tattoos.

Schmerzen
Der Schmerz eint fast alle Bodymodifications und modernen Körperschmuckformen doch sei gesagt, dass Scarification für viele Außenstehende furchtbar schmerzhaft und brutal aussehen mag, der eigentliche Schmerz des Schneidens oder Brennens nicht viel höher als der des Tätowieren ist. Auch wenn Schmerzempfinden immer eine subjektive Angelegenheit ist wollen wir es hier nicht unerwähnt lassen.
Das Wichtigste allerdings gilt in Bezug auf Scarification noch mehr als bei allen anderen Formen des Körperschmucks, der Kunde sollte sich vorher genau über die Fertigkeiten des Künstlers informieren und sich auch ein Portfolio von Arbeiten zeigen lassen in dem sich auch Bilder der Abheilung und vor allem auch der verheilten Arbeiten finden. Jemanden mit einem Skalpell oder glühenden Eisen an seinem Körper arbeiten zu lassen erfordert viel Vertrauen. Ausführliche Beratungsgespräche, detaillierte Aufklärung und Planung des Motivs sind im Vorfeld auf jeden Fall notwendig und sollten nicht zu kurz kommen.

Scarification ist und bleibt eine der intensivsten und intimsten Erfahrung, die man machen kann.

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Teil 2: The Excellence of Cutting

Nachdem wir Euch in der ersten EXPAND Ausgabe in einem Special die verschiedenen Scarification – Arten mit Schwerpunkt auf Cutting vorgestellt haben, war das Interesse und die Reaktionen groß. Ein wenig hat uns die breite Akzeptanz und Neugier für diese doch noch abseits des „Mainstream“ stehende Form der Körpermodifikation angenehm überrascht!
Leider – wie bei so vielen Dingen wenn Sie in den Fokus der Öffentlichkeit gelangen – lassen auch „schwarze Schafe“ und „Hobbyschnippler“ nicht lange auf sich warten und schon erreichten uns erste eMail in denen wir Fotos und Storys zu Gesicht bekamen, das einem die Haare zu Berge stehen. Die erste Überlegung war solche Werke an den „Pranger“ zu stellen und öffentlich die Defizite zu besprechen, aber damit ist weder den „Opfern“ geholfen noch der Sache an sich. Daher haben wir uns entschlossen positiv an die Sache heran zu gehen und diese Seiten „The Excellence of Cutting“ geschaffen um zu zeigen was geht und wie ein gute Cutting aussieht.
Die Werke (Bilder zu dem Artikel) stammen allesamt aus der Klinge von Thorsten (Wildcat München) nicht weil er der einzige Artist in Deutschland oder Europa ist – aber sicher einer der Besten seiner Zunft. Dazu kommt, dass dieser Artikel sehr kurzfristig entstanden ist als Reaktion auf die oben beschriebenen Ereignisse.
An dieser Stelle also der Aufruf an alle Bodyart begeisterten, die Werke tragen welche das Prädikat „The Excellence of …“ verdienen oder solche geschaffen haben – zögert nicht uns zu kontaktieren! In den folgenden EXPAND Magazinen gilt es Seitenweise weiße Fläche zu bedrucken und am liebsten würden wir das mit positiven, schönen und atemberaubenden Kunstwerken tun!

Die häufigsten Fehler
„Begebt euch nicht in die Hände von Pfuschern“ – das wäre ein etwas verzweifelt klingender aber sicher Angebrachter Appell an alle Bodyart-Begeisterten, die sich für ein Cutting interessieren. Um den „Blick hinter die Kulissen“ ein wenig zu schärfen, wollen wir hier einmal die schlimmsten Fehler nennen:

Falsche Klingen
Gerade Anfänger aber auch weniger gut ausgerüstete „Hobby Schnippler“ verwenden meist falsche Klingen. Es gibt die unterschiedlichsten Formen und Größen, die jeweils ihren Eigenschaften entsprechend eingesetzt werden sollten. Verwendet man die falschen Klingen, wird das kontrollierte Schneiden erschwert und es ist unter Umständen gar nicht mehr möglich Feinheiten auszuarbeiten.
Klinge wechseln
Ebenfalls ein beliebter Fehler ist das Schneiden ganzer Cutting-Projekte mit nur einer Klinge. Das wird sehr schnell zur schmerzhaften Angelegenheit für den Kunden, denn selbst eine gute Klinge wird schnell stumpf. Eine stumpfe Klinge bietet dann einfach nicht mehr den gleichmäßigen und sauberen Schnitt, den man für präzises Arbeiten braucht.

Die Motive
Cutting kann sehr kunstvoll und vielseitig sein – leider wird bei aller Anatomie und Technik das Üben ordentlicher Linienführung vernachlässigt. Die Haut ist kein Blatt Papier, das man wegschmeißt und sich ein neues holt wenn man sich verschnitten hat. Auch ist ein Skalpell kein Pinsel, eine Linie muss immer gezogen werden und das im korrekten Winkel und in der richtigen Tiefe.

Die Ästhetik
Zu oft bleibt leider auch die Ästhetik auf der Strecke. Ist die Motivauswahl gelungen, bleibt die Schwierigkeit der ästhetischen Platzierung am Körper. So gilt es nicht nur Bewegungsfalten und Gelenke zu berücksichtigen sondern auch die Schwerkraft – ein Cutting wird zwar im Liegen geschnitten, meist aber im Stehen betrachtet und „getragen“

Die Anatomie
Fehlen grundsätzliche Kenntnisse der Anatomie, wird es meist nichts mit einem ordentlichen Cutting. Vielen Hobby-Cuttern sind die „Langerschen Spaltlinien“, die die Richtung der geringsten Dehnbarkeit der Haut markieren, ein Fremdwort. Die Haut wird nicht oder nicht richtig gespannt und der Schnitt nicht der „Umgebung“ angepasst – damit entstehen unregelmäßige Linien und das Motiv misslingt.

Die Hygiene
Die Hygieneanforderungen sind beim Cutting mindestens so hoch anzusetzen wie beim Piercing (siehe „SO PIERCEN WIR“). Wer einen solchen Rahmen nicht bieten kann sollte davon absehen an anderen Menschen zu arbeiten.

Die Anleitung
Auch in der Anleitung, die der Kunde mit auf den Weg nach Hause bekommt macht sich leider zu oft mangelndes Wissen um die Behandlung der Wunde und die Pflege allgemein bemerkbar. Gerade beim Cutting möchte man ja eine Keloide Narbenbildung – allerdings ist eine natürliche Veranlagung zu Bildung dieser Narben eher bei jungen und farbigen Menschen gegeben. So mancher Kunde muss also auf „Tricks“ zurückgreifen um die „Wucherungen“ einer Keloiden Narbe anzuregen.

Präzises Arbeiten
Wie schon erwähnt, verzeiht die Haut keine Fehler – der Cutting Artist muss also in der Lage sein längere Zeit konzentriert zu arbeiten. Die Zeit sollte man sich auch nehmen es gibt keine Abkürzungen („there are no shortcuts“).

Anfängerfehler
Die typischen Anfängerfehler, die man auch nur durch langes Üben in den Griff bekommt sind unregelmäßige Schnitttiefen und das Überschneiden der Spitzen („cross cutting“). Gerade im flachen Winkel zulaufende Spitzen und Ecken sind sehr schwierig auszuarbeiten.

Selbstüberschätzung
Nach anfänglichen Erfolgen neigt man dazu seine Fähigkeiten und Ausdauer zu überschätzen. Das Ergebnis sind Projekte und Motive, die in ihrer Filigranität oder Größe nicht bewältigt werden können. Wie bei vielen Sachen gilt auch beim Cutting „Übung macht den Meister“ und nur ein langsames Steigern und Heranarbeiten an komplexere Motive gewährleistet ein hohes Niveau.
Gerade auch fortgeschrittenere Techniken wie das Skin Removal (flächiges Entfernen der oberen Hautschichten) fordern viel Übung, Erfahrung und zusätzliches Wissen.

Phuket Vegetarian Festival

Das Thema Phuket Vegetarian Festival habe ich zwei mal redaktionell bearbeitet (Blogs mal aussen vor) – das erste mal Mitte 2004 nachdem ich ganz fasziniert eine ganze Reihe von Bildern dazu eingescannt hatte. Die Bilder hatte ich für John (Wildcat England) gescannt, der einige male dort war und reichlich Bildmaterial mitgebracht hatte! Das zweite mal (ebenfalls für das Expand) beschäftigte mich das Vegetarian festival als ich einen Artikel – bzw. Reisebericht – von Olli (Visajavara Nürnberg) für das EXPAND Magazin überarbeiten durfte (von 10.000 auf 15.000 Zeichen – halt einige Fakten ergänzt und ein wenig ausfomuliert).

Hier nun beide Artikel zu dem Thema mit dem Dank an John und Olli für ihre Unterstützung und besonders an Olli für die tollen Bilder:

Phuket Vegetarian Festival

EXPAND Magazin #1 2004 – von Stephan Strestik

Jedes Jahr im 8. Mondmonats des chinesischen Kalenders bietet sich dem Besucher der kleinen Insel Phuket (Thailand) ein mindestens so seltsames wie interessantes Schauspiel – eine „Parade der Fakire“ will man auf den ersten Blick meinen.

In nicht enden wollenden Prozessionen sieht man Menschen, die sich die Wangen mit Eisenstangen, Ketten und allerhand anderem Gerät durchbohren oder mit Glocken und Gewichten die direkt in die Haut „gepierct“ wurden behangen sind.

Auf festlich geschmückten Plätzen kann man anderen beim Laufen über glühende Kohlen oder dem Besteigen von Leitern deren Sprossen aus scharfen Schwertern und Messerklingen gebaut sind zusehen.

Doch das Vegetarian Festival ist mehr als nur ein „Showlaufen“. Die Tradition des Vegetarian Festivals – so erzählt m an – geht zurück auf die Zeit der Regentschaft des Königs Rama V. 1868-1910, zu dieser Zeit kamen viele Menschen aus China und Malaysia auf der Suche nach Arbeit in den Mienen und Kautschukplan tagen nach Phuket.

Das erste Vegetarian Festival wurde in Kathu District im Südwesten von Phuket von einer chinesischen Schauspiel – Truppe zelebriert um durch die Kraft und Gunst der Götter die seiner Zeit ausgebrochene Malaria – Epidemie zu besiegen.

Neun Tage und Nächte lang werden verschiedene spirituelle Rituale und Prozessionen gehalten. Vor diesen neun Tagen des „Vegetarian Festivals“, gibt es für einige Tage eine Fastenperiode um Körper und Seele zu reinigen. Das Tragen von weißer Kleidung während des Festivals symbolisiert die so „gereinigten“ Teilnehmer, für die während der Festivalzeit verschiedene Regeln gelten:

  • es dürfen keine Tiere getötet werden
  • kein Fleisch darf gegessen werden
  • das Tragen vom Leder ist nicht gestattet
  • Frieden! Es darf keinem Menschen körperliches oder mentales Leid angetan werden
  • Enthaltsamkeit während der ganzen 9 Tage
  • kein Alkohol und keine Betäubungsmittel
  • kein Streit und keine Lügen
  • Verbot Mahlzeiten mit Menschen einzunehmen, die sich nicht an diese Gebote halten
  • schwangere und Frauen in der Periode
  • dürfen nicht am Festival teilnehmen

Der Ablauf ist jeden Tag in etwa gleich – gegen 5 Uhr morgens werden die Trommeln geschlagen und die Glocken geläutet. Rauch vom brennenden Sandelholz liegt wie ein Schleier über den Plätzen und Straßen, es werden hunderte Kerzen an Statuen chinesischen Götter und Kaiser aufgestellt. Die Medien bereiten sich auf die Ankunft des Geistes vor, der in Ihre Körper fährt – dann verändern sich Ihre Gesichtsausdrücke, ihre Stimmen und Körperbewegungen – der Geist Ihrer Götter ist nun in Ihnen und Sie gehen zu ihren Helfern, die ihnen Nägeln, Eisenstangen, Messer, Rohre und viele andere Dinge durch die Wangen, Zunge und andere Körperstellen stechen. Durch die Kraft der Götter spüren Sie dabei keinerlei Schmerz und es fließt auch nicht viel Blut aus ihren Wunden.

Einige Medien werden mit einer Kette, einem Schlauch oder einer langen Stange, die durch die Wangen gestochen werden, miteinander verbunden und laufen gemeinsam als Eins mit der Prozession durch die Stadt zu einem der 5 Tempel der Insel Phuket. Andere Medien haben große Schreine und Bilder Ihrer Götter an Stangenaufbauten am Körper befestigt und tragen diese mit der Prozession durch die Straßen – die stützenden Stangen und haltenden Seile durch Haken an der Haut befestigt bohren sich dabei im m er weiter ins Fleisch.

Mit diesen schmerzhaften Ritualen und der anschließenden Tortur der Prozession zeigen die Medien die Energie und Kraft ihrer Götter die in Ihnen sind und stärken Ihren eigenen Glauben und reinigen sich vom Schlechten.

Neben der Prozession gehört das Laufen über heiße Kohle ebenfalls zum Ritus des Festivals. Der Kohleteppich ist einige Zentimeter hoch, die Flammen werden im m er wieder mit einem Blaseblag auf`s neue entfacht. Medien laufen über die glühenden Kohlen ohne sich zu verletzen oder steigen auf eine Leiter deren Sprossen aus messerscharfen Klingen besteht oben angekommen beten sie zu ihren Göttern.

Am neunten Tag verlässt der Geist nach der letzten Prozession die Körper der Medien und das Festival ist zu Ende.

Was bleibt sind die Narben und der beseelte, zufriedene Ausdruck in den Gesichtern der Teilnehmer, dankbar für neun Tage Frieden und Reinigung – gestärkt für den Alltag durch die Kraft Ihrer Götter.

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Einleitung

In unserer ersten Ausgabe 2004 (EXPAND #1) haben wir bereits über die Ursprünge und den Ablauf des Vegetarian Festivals auf der Insel Phuket in Thailand berichtet. Inzwischen hat das Thema ja auch seinen Weg in die Mainstream Presse gefunden und wird dort leider zu oft vom Boulevard aufgenommen und dient dort jedes Jahr nur dem Schock-Effekt für den die abenteuerlichsten Sachen präsentiert werden, die die Leute der Prozession sich dort durch de Backen piercen. Um einmal einen kleinen Blick „hinter die Kulissen“ zu werfen, haben wir Oli von Visavajara Nürnberg gewinnen können für uns hier einen Reisebericht zu schreiben:

Phuket Vegeterian Festival

Mitten drin statt nur dabei!

Fallen die Worte „Vegetarian Festival“ haben die meisten Leute hier zu lande Bilder von Menschen im Kopf, die sich mit allen möglichen Gegenständen die Wangen durchbohren und damit wie in Trance eine (für uns) bizarre Prozession laufen. Diese Bilder, die ich hier in meinem Reisebericht natürlich nicht vernachlässigt werde, verursachen oft neben Faszination auch Ekel und Sprachlosigkeit. Um dem zu begegnen werde ich versuchen in diesem Reisebericht mehr auf den ganzen Ablauf des Festivals und die Dinge drumherum einzugehen. Denn diese Bereiche gehören genauso zum Vegetarian Festival, wie die uns allen nun reichlich bekannten Bilder.

Das Stechen

Das Ritual des Stechens beginnt jeden morgen schon um 5 Uhr in dem Tempel, dessen Angehörige an diesem Tag die Prozession laufen. Das Durchstechen der Wange wird mit einem spitzen, schweren und ziemlich großen konischem Werkzeug aus Edelstahl vorgenommen, welches einem etwas überdimensioniertem Insertion Pin ähnelt. Das Werkzeug hat wirklich nichts mit einer Piercingnadel wie wir es kennen gemein und ist aus massivem Stahl, wiegt also ca. zwei bis drei Kilo und ist je nach Ausführung durchaus bis zu einen Durchmesser von bis zu 5cm oder gar mehr zu haben. Man konnte beobachten, dass das Durchstechen der Wangen mit dieser Stahlspitze einen enormen Kraftaufwand benötigt bis das Gewebe der Wange durchdrungen ist. Jeder, der schon mal einen Backenspieß gesetzt hat oder eine der auf Conventions so beliebten Fakir Shows gesehen hat, weiß welche Kraft man benötigt um diese meist nur 3 mm starken Spieße durch das Gewebe zu bekommen; hier in Phuket gibt man sich mit so Kleinkram allerdings in der Regel selten zufrieden und das zehnfache (30mm) darf es schon gerne einmal sein, wobei die Skala nach oben jedes Jahr aufs neue offen zu sein scheint.

Ist die Wange mit der Spitze erst einmal durchstochen, dehnt sich das Gewebe durch das Nachschieben des konischen Werkzeugs noch ein wenig und fängt dann an gleichmäßig nach oben und unten hin zu reißen. Natürlich ist beim Stechen die Stärke (Größe des Lochs) zu beachten, die benötigt wird um das gewünschte Objekt einsetzen zu können; dies erfolgt allerdings nur durch eine grobe Abschätzung oder besser Abgleich des Stechwerkzeugs mit dem später einzusetzendem Objekt. Manchmal kann es so passieren, dass die Öffnung etwas zu groß gerät und den Blick auf die obere und untere Zahnreihe frei gibt, was durchaus ein gewöhnungsbedürftiger Anblick ist. Es kommt aber auch vor, dass eine Öffnung zu klein ausfällt, was dann durch kurzes Nachstechen korrigiert wird, oder es wird einfach kurzerhand ein neuer Gegenstand mit passender Größe organisiert. In der anfallenden Wartezeit tun es dann auch zwei bis drei Finger durch die Wange um die Wunde „mal eben“ offen und entsprechend geweitet zu halten.

Bilder zum Artikel:

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Der Umgang und die Aufbereitung der Utensilien ist oft auch recht unbedarft, so werden diese zum Teil einfach mit Isolierband, Tesafilm oder ähnlichem umwickelt damit sie besser einführt werden können oder – falls nötig – um ein paar Millimeter an Durchmesser zu gewinnen.

Die Piercing-Tools, die zum Stechen benutzt werden, bringen die Medien – also diejenigen, die auserwählt sind sich stechen zu lassen und die Prozession zu laufen – selber mit. Alternativ kann derjenige, der für das Piercen zuständig ist ein solches Tool auch mehrfach verwenden, wobei diese dann nach jedem Gebrauch mit Watte und einer Desinfektionslösung, die an ein Listerine, Öl Gemisch erinnert, gesäubert werden.

Es gibt in jedem Tempel gleich mehrere Plätze an denen gepierct wird, die sehen danach dann entsprechend aus und sind mit Watte und Handschuhen übersät. Nicht immer aber in den meisten Fällen werden übrigens Handschuhe benutzt was aber nicht unbedingt bedeutet, dass diese nach jeden Medium gewechselt werden oder einem hygienischen Arbeitsgang gewährleisten sollen.

Es gab übrigens auch „Farangs“ (wie die Ausländer in Thailand bezeichnet werden) zu sehen, die gepierct haben, was vor einigen Jahren noch nicht gestattet war. Dieses wurde allerdings nicht von jedem Medium unbedingt positiv aufgenommen und manche weigerten sich von diesen gestochen zu werden. Die Presse und das Fernsehen aus dem Ausland wurden dagegen umso mehr von dieser Tatsache angezogen und mischte sich eher rüpelhaft in das Geschehen um ja die „beste Einstellungen“ und die „tollsten Bilder“ zu bekommen. Als westlicher Besucher wünscht man sich in einer solchen Situation schon etwas mehr Respekt und Achtsamkeit gegenüber den Medien und Ritualen – leider war das nicht die einzige Gelegenheit zu der die „westliche Sensationspresse“ unangenehm auffiel.

Die Prozession

Nach dem Stechen und Einsetzen der Gegenstände beginnt dann die eigentliche Prozession wobei sich die Längste über 12 Kilometer erstreckt. Man kann sich kaum vorstellen welche enormen Anstrengungen erforderlich sind um eine solch lange Strecke zu laufen. Gerade „Medien“ mit großen Gegenständen oder andere beladene Prozessions-Träger leisten da enormes.

So „brachial“ die Eingriffe des Einpiercens der Gegenstände auch sein mögen, die Wangen der „Medien“ bluten natürlich nicht die ganze Zeit – ganz im Gegenteil – man ist eigentlich fast ein wenig überrascht wie wenig Blut fließt. Was allerdings – bei genauer Überlegung – logisch ist, da das Gewebe durch das durchstechen, aufdehnen und einreissen schon erheblich traumatisiert wird. Eine leichte Schwellung ist direkt erkennbar und der Schock für den Körper und die damit verbundene Ausschüttung von Adrenalin lässt die Gefäße verengen und den Blutdruck steigen. Dazu kommt der Gerinnungsprozess, der einsetzt sobald Blut mit einer anderen Oberfläche in Berührung kommt und natürlich der Druck, der eingesetzten Gegenstände auf die Wunde. Wobei an der Stelle gesagt sein soll, dass manchmal auch wenig Blut schon dramatisch aussehen kann.

Auf der Strecke sah man dann vor fast jedem Geschäft einen kleinen Altar mit Gaben für die Medien aufgebaut um deren Segen zu erhalten und den gesamten Weg über wurde man von ohrenbetäubendem Lärm begleitet. Es krachte und knallte von langen Stangen an denen kiloweise Knallkörper befestigt waren und die über den Sänften der Götterstatuen gehalten wurden, um diese zu wecken. Die Sänften werden von Sänftenträgern über die gesamte Prozession getragen, was für diese bedeutet über die ganze Zeit hin einem permanent extremen Lärm ausgesetzt zu sein und auch mal bis zu Handflächen große Verbrennungen von herab fallenden Knallern davon zu tragen. Wenn ein Ahnungsloser unbedarft auf diese Szenerie träfe, könnte es den Anschein von Krieg haben.

Als Besucher sollte man auch tunlichst auf herum fliegendes Feuerwerk achten, da die bei Einschlag und Explosion in Gesichtsnähe ganz schön ziepen können und auch das Gehör Schaden nehmen könnte. Mein Fazit: Sänftenträger zu sein mag eine Ehre sein, aber es ist ein echter Knochenjob und die tapferen Jungs verdient in jedem Fall meine Hochachtung.

Das Drumherum

Auf der ganzen Welt gilt es inzwischen: „Keine Veranstaltung ohne Werbung“! (?) So macht auch die Werbung vor dem Vegetarian Festival keinen Halt; zwischen all den Helfern, Medien und getragenen Sänften tauchen immer wieder Plakatträger oder lustig verkleidete Leute auf, die ihre Werbebotschaft an den Mann, die Frau und das Kind bringen wollen.

Kinder sind übrigens auf dem gesamten Event in Scharen unterwegs und freuen sich über die Medien, die vorbei laufen und ihnen den Segen erteilen oder Obst und Süßigkeiten verteilen. Für die Kinder in Thailand ist die ganze Veranstaltung mit allen ihren uns bizarr anmutenden Bildern ganz normal und Teil der Kultur. Was Deutschland wahrscheinlich aus Jugendschutzgründen rechtlich nicht denkbar wäre, ist dort ein Fest für jedes Alter – ähnlich unserem Straßenkarneval! Ich habe dort auf jeden Fall nur lachende Kinder gesehen, die eine Menge Spaß hatten. Selbst das jüngste Medium, dass ich an einer Prozession teilnehmen sah, war zarte 13 Jahre alt und trug einem ca. 1cm dicken Backenspieß durch die Wangen.

Wundversorgung

Nach der Prozession geht es dann für die Medien zurück in den Tempel, in dem dann die getragenen Gegenstände entfernt werden. Was manchmal auch nur mit Hilfe von Werkzeugen wie Bolzenschneidern oder ähnlichem möglich ist, da ja bekanntlich nicht immer alles so leicht raus geht, wie rein ging. Auch hier sind im Verhältnis zu der Größe der Verletzungen die Blutungen eher sehr gering – Ausnahmen gibt es natürlich auch, wenn z.B. ein größeres Gefäß beim Piercen beschädigt wurde. Die Nachsorge war vom Standpunkt eines Piercers aus „ungewöhnlich“ aber es funktioniert wohl. Die Wunden wurden im Tempel mit Wasser abgespült und dann wurde erst einmal ein Stück „heiliges Papier“ darauf gedrückt um die Blutung zu stoppen und die Wunde zu bedecken. Die sich in der Hitze und stehenden Luft des Tempels entwickelnde Geruchsmischung von Blut, Knallkörpern, Schweiß und Raucherstäbchen war dann auch entsprechend gewöhnungsbedürftig.

Auch die weitere Wundversorgung war recht einfach, so konnte man frei dem Motto „wozu Nahtmaterial verwenden wenn es Pflaster gibt“ viele der Medien, die meist beim Piercen in einem anderen Tempel halfen, mit geschwollenen Wangen und ein bis zwei Pflasterstreifen über den Wunden sehen. Trotz dieser für uns unvorstellbaren Wundversorgung und Hygiene habe ich keine infizierten Wunden gesehen; auch Tage später sahen die Wundränder der Verletzung entsprechend gut und sauber aus. Man sollte also mit einem schnellen Urteil vorsichtig sein und nicht so einfach unser Vorgehen und unsere Gewohnheiten dort als Messlatte anlegen.

Das Rahmenprogramm

Begleitend zum mehrtägigen Vegetarian Festival gibt es natürlich auch eine Broschüre, in der man sämtliche Infos zum Ablauf und Zeiten der einzelnen Events findet – sehr hilfreich und eine gute Grundlage um sich zurecht zu finden! Besonders wichtig sind auch die Karten in denen die Lage der beteiligten Tempel und die einzelnen Prozessionsrouten eingezeichnet sind. Zu den aufgeführten Terminen zählen neben dem frühmorgentlichem Stechen in den Tempeln auch andere spektakuläre Bräuche, die man nicht verpassen sollte. Das sind zum Beispiel die barfüßigen Läufe über glühende Kohlen und das „Schwertleiterklettern“, bei dem ebenfalls ohne Schuhwerk auf Leitern aus Schwertklingen bis zu 20m in die Höhe gestiegen wird. Wirklich beeindruckend und mit jeder Sprosse, die ein wagemutiger hinauf steigt ist man dankbar festen Boden unter den Füßen zu haben.

In und um die Tempel herrscht den ganzen Tag ein reges Treiben aus Kindern die mit Knallkörpern spielen, Menschentrauben, die sich angeregt unterhalten und Gläubigen, die Opfergaben bringen und beten. Es ist ein idealer Ort um neue interessante Bekanntschaften zu machen. Die Einheimischen sind sehr offen und freundlich wenn sie sehen, dass man sich für die Bräuche interessiert und darauf einlässt, wozu eben auch das Tragen von weißer Kleidung gehört. Dies symbolisiert die Reinheit, die der Körper während der Zeit des Festivals erfahren soll (kein Alkohol, kein Sex, kein Fleisch usw.). So kam es öfter vor, dass man an der Hand genommen wurde und alles erklärt bekam wofür sich manch einer auch gerne einmal eine ganze Stunde Zeit nahm und wirklich alles ausgiebig erläuterte. Da nicht jeder fließend Englisch spricht, geschah dies oft in der Landessprache, aber nach einer Weile versteht man auch Thai und wenn nichts hilft werden Händen und Füßen zum wilden gestikulieren zur Hilfe genommen.

Der Spirit

Das ganze Geschehen ist schon recht faszinierend, ob man nun an die Geister und Götter glaubt oder nicht. Einem Skeptiker würden beim kritischen Zusehen bestimmt so manche Zweifel kommen was nun Show ist und was nicht. Besonders das Ein- und Ausfahren der Geister in die Medien ist mitunter sehr spektakulär und mag inszeniert wirken. Mir ist aber manchmal ein richtiger Schauer über den Rücken gelaufen wenn die Medien im Tempel ihre Geister empfangen haben und oft noch mehr wenn diese nach der Prozession wieder im Tempel abgegeben wurden. Einige der Medien machten dabei einen zwei Meter Satz nach hinten wo sie dann wie besinnungslos in den Armen ihre Begleiter landeten. Da muss der Glaube und das Vertrauen schon tief sitzen um sich derart tief fallen und gehen zu lassen. Auf der anderen Seite hatte man bei anderen denken können in sie wäre ein „Promotiongeist“ gefahren, derart anziehend wirkten sie auf Fotos und Filmkameras durch ihr wildes posierten.

Glaube, Religion und Ritus sind aber meiner Meinung nach persönliche Werte und Erfahrungen, wer da also was sieht oder sehen möchte bleibt jedem selbst überlassen. Authentisch war auf jeden Fall die Freundlichkeit der Leute und der Stolz der Beteiligten auf das geleistete.

Authentizität ist dann auch ein gutes Stichwort für den auf einem „vegetarischem Festival“ nicht unwichtigen Punkt – dem ESSEN! So ist es angenehm, dass die ganze Sache der vegetarischen Ernährung nicht mit der leider zu oft anzutreffenden Verbissenheit in Glaubens- und noch viel mehr in Religionsfragen zum Zwang wird. Hier zeigt sich die Offenheit der Gesellschaft, obwohl es schon ein wenig witzig ist, dass es ein riesiges Spektakel und Fest gibt um eine Sache, die wenige Straßen weiter schon ihren roten Faden verliert. So gibt es während des Festivals eine ganze Straße, die gefüllt ist mit Essens-Ständen, die ausschließlich vegetarische Küche anbieten. Zudem findet man um die Tempel herum jede Menge Suppenküchen, die alle mit gelben Fahnen gekennzeichnet sind, die für das Festival stehen; doch geht man eine Straße weiter und möchte an den „normalen“ Verkaufsständen etwas vegetarisches zu essen haben, versteht keiner so recht was man meint und man kommt sich mit dem Wunsch schon fast als Exot vor, obwohl ganz Phuket Town in einem gelben Fahnenmeer versinkt. Irgendwie skurril, aber eben auch angenehm, dass es keinen Zwang oder religiöse Doktrin gibt.

So, das war mein kleiner Reisebericht und zu Abschluss bleibt mir zu sagen, dass dieses Festival auf jeden Fall eine Reise wert ist – wer also von der Vielzahl meiner hier wiedergegebenen Eindrücke motiviert ist, sollte sich unbedingt auf die Socken machen. Wichtig wäre es mir noch einmal deutlich darauf hinzuweisen, dass man gerade als Gast in einem fremden Land und Kultur unbedingt mit Respekt und Achtung in und an die Sache heran geht. Auch wenn Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Region ist, sollte das Vegetarian Festival kein asiatisches Disney World werden, sondern immer eine ganz besondere Reise auf der man sich sicher faszinieren, begeistern und auch unterhalten lassen sollte. Man darf aber bei all dem Spektakel nicht vergessen, dass dieses Festival für die Menschen dort ein religiöses Ritual ist an dem man lediglich teilhaben darf. Wenn man dies beachtet, hat man garantiert eine tolle Zeit mit vielen Gesprächen, netten Bekanntschaften und einer Erfahrung, die ich auf gar keinen Fall missen wollte.

Die Grundlagen des Dehnens

„EXPAND your Piercing“ – dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Thorsten Sekira geschrieben – seine wichtigsten Eckpunkte bildeten das Grundgerüst des Artikels, welchen ich dann mit Recherchen und Fakten entsprechend angereichert und ausformuliert habe! Der Artikel erschien im EXPAND #3 – Ende 2005!

expand your piercing

Die Grundlagen des Dehnens

Ein  Piercing  zu  dehnen  ist  eine Prozedur, die nahezu in jeder alten  und  neueren  „Piercing  Kultur“ bekannt ist. In den meisten traditionellen  Kulturen  ist  ein gedehntes  Piercing  mit  einer persönlichen,  spirituellen  oder sozialen  Bedeutung  belegt.  Ein Piercing – egal an welcher Stelle des Körpers dehnt sich nicht signifkant von einem Tag auf den anderen.  Es  ist  ein  sichtbares Zeichen für eine abgeschlossene Prozedur  über Wochen,  Monate und Jahre in Disziplin und Selbstbeherrschung.
So  tragen  zum  Beispiel  Frauen  auf Bali die meiste Zeit ihres Lebens ein eng zusammengerolltes Palmenblatt im  Lobe-Piercing  (Ohrläppchen)  um das Piercingloch offen zu halten und es gleichzeitig konstant und sanft zu dehnen. Dort steht also die Schaffung des gedehnten Ohrlochs  im Vordergrund und nicht so sehr das Tragen von Schmuck. Unter den Bewohnern Balis  gilt  ein  symmetrisch  weit  gedehntes Ohrloch als besonderes Zeichen von Reife und Schönheit, denn eine  solche  Dehnung  braucht  halt viel Zeit und Geduld – Eigenschaften, die ihre Trägerin auszeichnen.
Typisch  für  unsere  Zeit  und  unser „Piercing-Verständnis“  ist  die  Trennung  zwischen  dem  eigentlichen Piercing – dem Stechen und „Ersteinsatz“  –  und  dem  späteren  Dehnen (falls überhaupt vorgenommen).

Ritus des Dehnens
Allerdings  kommt man  auch  in  der heutigen Zeit nicht um den „Ritus des Dehnens“ und die damit verbundene Körpererfahrung  herum.  Egal  ob  es  nur ein kleiner Schritt  zur nächsten  Schmuckgröße  oder  ein  längeres Projekt zu einem verändertem Piercing  ist.  Das  Dehnen  der  Haut  erfordert  Sauberkeit,  Wissen  um  die Belastbarkeit und Zeit der Erholung die der zu dehnende Teil des Körpers braucht  und  –  das  aller  Wichtigste – es braucht Geduld!
Wäre es ein Leichtes und Sache von Minuten ein Piercingloch von 1.6 auf 16,  20  oder  30mm  zu  weiten;  gedehnte Piercings und der getragene Schmuck  würden  Ihren  besonderen  Reiz  des  Erreichens  verlieren.
Es  wäre  nichts  Aussergewöhnliches z.B.  einen  Plug  zu  tragen.  Doch  es passiert nun einmal nicht über Nacht und so bleibt etwas, was man nicht nur mit viel Einsatz erreicht, sondern etwas das viel Einsatz über eine lange Zeit  fordert. Das macht weit gedehnte  Piercings weltweit  und  über Kulturen  hinweg  zu  einem  Zeichen der Reife und Weisheit,  ein Weg  zu sagen  „ich  kontrolliere meinen Körper und akzeptiere was mein Körper von mir verlangt um heil an mein Ziel zu  gelangen“.  Im  Gegensatz  zum Stechen eines Piercings und Tattoos oder dem Schneiden und Brennen einer Scarifcation  ist das Dehnen ein Wechselspiel zwischen der Aktion der Modifkation  und  der  Reaktion  des Körpers  die  dann  erst  eine  weitere Aktion erlaubt.
Dieser  „Dialog“  mit  dem  eigenen Körper  ist der wichtigste Faktor des Dehnens.  Schmerzen  sind  grundsätzlich  ein  subjektives  Empfnden und je nach Person und Piercing unterschiedlich. Ist z.B. das Lobe noch „easy  going“  wird  es mit  längerem Stichkanal und empfndlicherer Körperregion  wie  z.B.  dem  Ampallang schon  interessanter.  Jeder  Mensch empfndet bei jeder Modifkation seines Körpers seinen eigenen und persönlichen  „Schmerzlevel“  steigt  der sprunghaft an, so ist das der besagte Dialog mit  dem  eigenen Körper mit dem  dieser  uns  versucht  zu  sagen „Okay, Stopp! Es reicht, bis hier her und nicht weiter“.
In  der  Regel  läuft  das  Dehnen  für den  „geduldigen  Dehn-Typ“  relativ schmerzfrei  ab.  Der  geduldige  Typ geht mit dem Grundsatz  „sicher und langsam“  an  die  Sache  heran  und sorgt  sich nicht um die Zeit, die  es braucht ans Ziel zu kommen. Für ihn zählt  es  alleine  mit  optimalem  Ergebnis seinen Körper zu modifzieren und  keinen Gefahren wie  z.B.  einer Infektion  auszusetzen.  Klingt  langweilig und fast schon konservativ, ist aber vernünftig und eigentlich immer von Erfolg gekrönt.

Wunder über Nacht
Im Gegensatz dazu geht der „ungeduldige Dehn-Typ“ vor, denn es gibt natürlich  auch  Wege  sein  Piercing schnell  zu  weiten,  um  dann  dicken Schmuck, Plugs oder Tunnels zu tragen.
Durch  das  Punchen  (Herausstanzen von Gewebe) zum Beispiel oder dem einfachen Einschneiden des Gewebes mit einem Skalpell lässt sich schnell ein  „großes  Piercing“  realisieren.
Dieser  Weg  zum  dicken  Schmuck ist  sicher  noch  gangbar  und  führt – wenn  vernünftig  gemacht  –  auch ans  Ziel.  Allerdings  lässt  sich  diese Technik  nicht  beliebig  auf  alle  Bereich  anwenden  (z.B.  Intimbereich, Brustwarze, Zunge usw.) und bietet darüber  hinaus  nicht  immer  ein  so schönes  optisches  Ergebnis wie  der lange  Weg  des  „geduldigen  Dehn-Typs“.  Ergänzend  sei  gesagt,  dass bei diesen Methoden meist ein ausgeprägteres Narbengewebe entsteht, was  ein  weiteres  Dehnen  über  den erreichten Status-Quo hinaus erheblich erschwert.
Für  den  ungeduldigen  Typ  kann  es aber auch sinnvoll sein – für ein späteres  „geduldiges Dehnen“  –  einige Piercings  gleich  in  einer  größeren Stärke zu piercen. Zum Beispiel kann der Ersteinsatz im Lobe direkt bis zu 4mm dick sein. Man sollte allerdings darauf  achten während  der Heilung (das  gilt  auch  später  zwischen  den Dehnschritten)  keinen  zu  schweren Schmuck zu  tragen um eine zu einseitige Belastung zu vermeiden.
Damit  wären  beide  Dehn-Typen schon  fast erklärt, gäbe es da nicht noch  eine  Splittergruppe  des  „ungeduldigen  Dehn-Typs“  –  den  „unvernünftigen Dehn-Typ“. Von seinen „Gewaltmethoden“  ist  dringend  abzuraten. So werden in recht blutigen Sitzungen  so  lange  konische  Materialien  durch  ein  frisch  gepierctes Loch „geprügelt“, bis man „in einem Rutsch“ von 0 auf 10mm gekommen ist. Das Trauma dem das Gewebe da ausgesetzt wird, mit  seiner Vielzahl der unterschiedlichsten Verletzungen und  Quetschungen,  kann  zu  den abenteuerlichsten Entzündungen und Abwehrreaktionen  des  Körpers  führen.  Im  schlimmsten Fall kommt es durch eine akute Unterversorgung zu dauerhaften Schädigungen der Haut oder des Knorpelgewebes.

Was passiert genau?
Werfen wir  einen  Blick  auf  die medizinisch,  anatomische  Seite  des Dehnens. Was  genau  passiert  beim Dehnen eines Piercinglochs? Nun, ja das ist so genau nicht einfach zu erklären, im groben passiert folgendes – durch das Dehnen  / Spannen der Haut  rund  um  das  Piercing  und  im Piercing-Kanal  entstehen  gleichmäßig  verteilte  mikroskopisch  kleine Risse  im Kollagengefecht der Haut.
Dadurch  entstehen  Freiräume  zwischen den Hautzellen, die mit der Zeit durch neue Zellen ausgefüllt werden.
Die Haut weitet sich und baut mehr und mehr die entstandene Spannung ab.  Das  Kollagen  bindet  die  neuen Hautzellen  ein  und  das  geweitete Piercing  ist  erneut  „geheilt“.  Dieser Vorgang dauert – optimale Rahmenbedingungen vorausgesetzt – mindestens 6 Wochen.
Optimale  Voraussetzungen  sind  in diesem Fall ausreichend Luft am Piercing (ein frisch gedehntes Piercing sollte  nicht  durch  Schmuck  „eingeschlossen“ werden), gesunde Ernährung und Hygiene – jede Verschmutzung  des  gereizten  Piercings  kann zu  Problemen  und  Endzündungen führen.
Wird  der  Dehnvorgang  (auch  in vernünftigen  Schritten)  zu  schnell durchgeführt,  kann  es  zu  ungleichmäßig verteilten Rissen in der Kollagenschicht oder zu Rissen unterhalb der  Kollagenschicht  kommen.  Das kann wieder herum zu hypertropher Narbenbildung führen – was die weitere Dehnbarkeit dieser so verletzten Stelle stark beeinträchtigt. Sogar gegenteilige  Entwicklungen  sind möglich. Wirken  zu  starke  Zugkräfte in der Phase des Verheilens, so werden vermehrt  Bindegewebe  und  Blutgefäße  gebildet.  Es  kommt  zu  einer überschießenden Narbenbildung, der Narbenhypertrophie.  Diese  Narben sind oft sehr groß und wulstartig und können  somit  das  Piercing  optisch erkennbar  verziehen  –  das  Piercing wirkt schief und ungleichmäßig.

Die Voraussetzungen
Sicher die wichtigste Voraussetzung zum Dehnen, ist ein vollständig ausgeheiltes Piercing. Das Dehnen sollte wie  links beschrieben  in 1 bis 2mm Schritten erfolgen, gefolgt von einer mehrwöchigen Pause; diese  ist notwendig  damit  das  Gewebe  sich  erholen und  regenerieren kann. Diese Ruhephase  ist  damit  die  wichtigste Voraussetzung  für  den  nächsten Dehnschritt.
Leider liegt in der Mißachtung dieser Voraussetzungen die größte „Gefahr“ des Dehnens. Gehen  anfänglich  die Schritte zu leicht von der Hand, wird man euphorisch oder übermütig und verlangt dem Körper zuviel ab. Disziplin  und  Geduld  sind  also  ebenso Voraussetzung für ein langes und erfolgreiches Dehnen. Denn auch wenn man das Gefühl hat, es könnte noch ein wenig mehr „gehen“, ist es besser  zu  stoppen  und  die  planmäßige Pause  einzuhalten.  Ein  zu  schnelles Dehnen kann zu den beschriebenen Vernarbungen und Verletzungen führen  und  einen  um  Monate  zurück, oder  gar  ganz  „aus  dem  Rennen“ werfen.
Jeder  einzelne  Dehnschritt  für  sich genommen  sollte  also  nie  zu  groß ausfallen  –  je  nach  Gewebe  (gepiercter  Stelle)  sind  Dehnschritte von 1 bis maximal 2mm sinnvoll und gängig – in der Regel wird zur nächsten  Schmuckstärke  gedehnt.  Die bereits  erwähnten  6 Wochen  Pause zwischen  den  Schritten  sind  dabei nicht  übertrieben!  Man  muß  dem Körper  immer  ausreichend  Zeit  gewähren sich zu regenerieren und den nächsten Schritt möglich zu machen.
Setzt  man  diese  Grundregeln  um, sind  einem  stetig wachsenden  Piercing  dann  fast  keine Grenzen mehr gesetzt.
Der  sicherste Weg  zum  Dehnen  ist im übrigen immer noch der Weg ins Piercingstudio,  dort  bekommt  man die notwendige Hygiene geboten und meist ist das Dehnen ein kostenloser Service  wenn  der  danach  ohnehin benötigte  Schmuck  der  nächsten Stärke direkt vor Ort gekauft wird.

Die Vorbereitung
Das Dehnen an sich lässt sich mit der richtigen Vorbereitung recht unkompliziert  gestalten.  Das  Einweichen der  Haut  mit  heißem  Wickel  oder Bad  ist eine gute Vorbereitung. Das erhöht  die  Dehnbarkeit  und  fördert die Durchblutung, die Haut entspannt sich.
Für  Intim  oder  Brustwarzen-Piercing empfehlt sich ein Bad zu nehmen,  Piercings  im  Gesicht  können mit einem getränkten Handtuch eingeweicht  und  dabei  auch  massiert werden. Mindestens 2 bis 4 Minuten sollte man sich dafür Zeit nehmen – je länger, desto besser!
Anschließend  oder  schon  während des Einweichens und sanften Massierens,  sollte man  sein  Piercing  kontrollieren.  Gibt  es  evtl.  noch  kleine Risse oder Verletzungen, dünne oder gespannte Stellen?  Ist die Haut gerötet oder spürt man beim Berühren einen  Druckschmerz? Wenn  all  das nicht der Fall ist, kann man mit dem eigentlichen Dehnen beginnen – ansonsten  tut man gut daran hier abzubrechen  und  seinem Körper  noch ein wenig Zeit zu geben.

Das Dehnen
Um  seine  Dehnhilfe besser durch  den  Piercingkanal  zu  bekommen, sollte man Gleitgel verwendet.
Dieses sollte  jedoch vorher auf Verträglichkeit geprüft werden und möglichst auf Wasserbasis sein und steril in  kleinen  „Portions-Einwegverpackungen“ abgepackt sein. Denn Hygiene ist beim Dehnen sehr wichtig.
Das gedehnte Piercing sollte wie ein frisch  gestochenes  Piercing  behandelt werden. Auch während des Dehnens  ist darauf zu achten möglichst jeden unnötigen Kontakt der Hände mit  dem  Stichkanal  zu  vermeiden.
Geht man  zum  Dehnen  ins  Studio, wird der Piercer ohnehin Handschuhe tragen und die Dehnhilfe ist steril.
Das Gleitmittel  sollte vor dem Dehnen schon auf und in den Stichkanal aufgetragen  werden,  dann  wird  die Dehnhilfe  unter  behutsamen,  leichten Druck mit  regelmäßigen Pausen eingeführt. Wird  ein  Taper  verwendet,  so  ist  es  hilfreich  diesen  langsam mit Gegendruck  zu  drehen.  Es gilt  dabei  immer  darauf  zu  achten,  dass genug Gleitmittel vorhanden ist um  ein unangenehmes Anhaften  zu vermeiden. Geht es nicht mehr weiter,  kann  es  hilfreich sein die Seite zu  wechseln  und  die  Dehnhilfe am anderen Ende des Stichkanals einzuführen. Je  länger der Stichkanal  ist, desto  sinnvoller  ist  diese  Methode um  ein  gleichmäßiges  Dehnen  und bessere Beweglichkeit der Dehnhilfe zu  gewährleisten. Man  arbeitet  sich so von außen nach innen vor.
Nicht ungeduldig werden, das einzige Limit ist in der Regel das Austrocknen des  Gleitmittels;  es  kann  passieren das dieses beginnt zu kleben, in der Regel hält  es  aber  lange genug um den Dehnvorgang abzuschließen.
Ist  es  geschafft,  Führt  man  mit dem  Ende  der  Dehnhilfe  den  neuen  Schmuck  in  den  Kanal  ein.  Leider bietet nicht  jede Dehnhilfe oder Schmuck diese Möglichkeit des nahtlosen Einführens. Es sollte auf jeden Fall  darauf  geachtet  werden  kein scharfes  Gewinde  durch  den  frisch gedehnten und sicher noch gereizten Kanal  zu  führen.  Absolut  top  sind hier  Schmuckstücke  mit  Innengewinde (internally threaded).

Das Reinigen
Eventuelle Rückstände des Gleitmittels  rund  um  das  Piercing  sind mit einem sauberem Tuch schnell beseitigt, ggf. vorsichtig die umliegenden Bereiche waschen. Die Reinigung des gedehnten Piercings sollte allerdings mit  einem  wässrigen  Antiseptikum wie  z.B.  Octenisept  vorgenommen werden. Das kühlt die gereizte Stelle ein  wenig  ab  und  desinfziert  diese gleichzeitig.

Welcher Schmuck
Welcher Schmuck  ist  für das Tragen direkt  nach  dem  Dehnen  geeignet?
Grundsätzlich gilt das gleich wie für den  Ersteinsatz  beim  Piercing.  Der Schmuck sollte also mit Bedacht gewählt werden. Plugs und Tunnels verschließen oft den Stichkanal – allerdings braucht die gereizte Haut jetzt Luft um zu heilen. Solide Ringe sind ebenfalls nicht immer optimal, da sie durch  ihr Gewicht  evtl.  vorhandene Verletzungen  oder  Reizungen  im Stichkanal  weiter  fördern  bis  Risse entstehen. Das Gewicht lastet naturgemäß nicht gleichmäßig verteilt auf den Stichkanal sondern konzentriert sich  auf  eine  Stelle.  Von  schwerem Schmuck  ist  also  abzuraten.  Abhilfe  schaffen hier hohle  oder –  leichter  als Stahl – Titanringe. Sehr gut geeignet sind ebenfalls Eyelets oder Tunnel mit niedrigem Rand und  auf jeden Fall ohne O-Ringe (Haltegummies) – z.B. „Double Flared Eyelets“ (DFE).
Bezüglich des Materials ist zu sagen, dass man seine Erfahrungswerte aus dem Ersteinsatz seiner Piercings einfießen  lassen  sollte,  hat man  gute Erfahrungen  mit  Titan  oder  auch Chirurgenstahl  gemacht,  empfehlt es sich dabei zu bleiben. Kunststoffe sind  eher  weniger  geeignet.  Praktisch sind z.B. auch kleine Crescents (SRE, ERE), diese  sind  in der Regel nicht  zu  schwer  und  können  direkt nach  dem  Dehnen  als  „Ersteinsatz“ getragen werden.
Teilweise  gut  geeignet  sind  ebenfalls  organische  Materialien  (z.B. Holz) allerdings nicht alle Arten und nicht jede Verarbeitung. Besitzt man keine  Erfahrung  im  Umgang  mit organischem  Material  als  Piercing-Schmuck, möchte aber  trotzdem etwas mehr natürliches als Stahl oder Kunststoff tragen, sollte man sich mit diesem  Wunsch  vertrauensvoll  an seinen Piercer wenden. Mit der Richtigen Pfege und Behandlung  lassen sich  sehr  gute  Ergebnisse  erzielen und man kann die natürlichen Wirkstoffe  der  organischen  Materialien für  sich  arbeiten  lassen.

Regenerierung
Ist  das  gedehnte  Piercing  ein  paar Tage alt und macht keine Probleme, kannst Du damit beginnen, die Haut bei der Regenerierung zu unterstützen.  Es  gibt  die  verschiedensten Tips  und  Tricks  für  die  jeweils  vermeindlich    beste  Pfege,  tatsächlich aber  eine  allgemeingültige  Empfehlung abzugeben, ist schwer. Mancher mischt sich sein „geheimes Öl“ für die Pfege zusammen,  andere  schwören auf Kokosnuss-,  Jojoba- oder Raps-Öl.  Um  Narbenbildung  zu mindern, kommen  ebenfalls  die  unterschiedlichsten Mixturen  zum  Einsatz.  Egal ob  Teebaumöl  unverdünnt  oder  gelöst in heißem Wasser, verschiedene Salben  und  Tinkturen  aus  der  Apotheke, jeder Tip beansprucht für sich die beste Wirkung. Daher haben wir lange  darüber  beraten  was  wir  an dieser Stelle  dem  Leser  als  „heißen Tip“ mit auf den Weg geben und wir sind  auf  folgenden  gemeinsamen Nenner gekommen:

ES GEHT AUCH OHNE!

Mit anständiger Pfege, leichten Massagen um die Durchblutung anzuregen und gesunder Ernährung, haben wir  im Selbstversuch keine nachteiligen Wirkungen feststellen können.
In der Regel war nach 6 Wochen die neue Schmuckgröße entspannt tragbar und nach 8 bis 10 Wochen war dann die nächste Dehn-Session möglich. Um die Langeweile in der Wartezeit zu vertreiben, läßt sich super ein paralleles  „Dehn-Projekt“  anfangen – aber Vorsicht! SUCHTGEFAHR!

Verletzungen
Scheiße  passiert,  daher  kurz  zum „Worst-Case“:
Was tun wenn der Stichkanal verletzt ist, es blutet oder schmerzt?
In  dem Moment,  in  dem  der Stichkanal  verletzt  ist,  sollte  man das Dehnen „vergessen“ und sich primär um  die Wundversorgung  kümmern.
Sofort  wieder  zur  „gewohnten“ kleineren  Schmuckgröße  wechseln, die  Wunde  reinigen  /  desinfzieren mit  einem Antiseptikum. Halten  die Schmerzen  ungewöhnlich  lange  an oder blutet es stark, unverzüglich einen Arzt aufsuchen! Ansonsten gilt es das verletzte Piercing wie ein  frisch gestochenes zu behandeln – Du solltest entsprechende Erfahrungen mit der Pfege des Piercing ja bereits gesammelt haben.

Die Voraussetzungen
Sicher die wichtigste Voraussetzung
zum Dehnen, ist ein vollständig aus-
geheiltes Piercing. Das Dehnen sollte
wie  links beschrieben  in 1 bis 2mm
Schritten erfolgen, gefolgt von einer-
mehrwöchigen Pause; diese  ist not-
wendig  damit  das  Gewebe  sich  er-
holen und  regenerieren kann. Diese
Ruhephase  ist  damit  die  wichtigste
Voraussetzung  für  den  nächsten
Dehnschritt.
Leider liegt in der Mißachtung dieser
Voraussetzungen die größte „Gefahr“
des Dehnens. Gehen  anfänglich  die
Schritte zu leicht von der Hand, wird
man euphorisch oder übermütig und
verlangt dem Körper zuviel ab. Dis-
ziplin  und  Geduld  sind  also  ebenso
Voraussetzung für ein langes und er-
folgreiches Dehnen. Denn auch wenn
man das Gefühl hat, es könnte noch
ein wenig mehr „gehen“, ist es bes-
ser  zu  stoppen  und  die  planmäßige
Pause  einzuhalten.  Ein  zu  schnelles
Dehnen kann zu den beschriebenen
Vernarbungen und Verletzungen füh-
ren  und  einen  um  Monate  zurück,
oder  gar  ganz  „aus  dem  Rennen“
werfen.
Jeder  einzelne  Dehnschritt  für  sich
genommen  sollte  also  nie  zu  groß
ausfallen  –  je  nach  Gewebe  (ge-
piercter  Stelle)  sind  Dehnschritte
von 1 bis maximal 2mm sinnvoll und
gängig – in der Regel wird zur näch-
sten  Schmuckstärke  gedehnt.  Die
bereits  erwähnten  6 Wochen  Pause
zwischen  den  Schritten  sind  dabei
nicht  übertrieben!  Man  muß  dem
Körper  immer  ausreichend  Zeit  ge-
währen sich zu regenerieren und den
nächsten Schritt möglich zu machen.
Setzt  man  diese  Grundregeln  um,
sind  einem  stetig wachsenden  Pier-
cing  dann  fast  keine Grenzen mehr
gesetzt.
Der  sicherste Weg  zum  Dehnen  ist
im übrigen immer noch der Weg ins
Piercingstudio,  dort  bekommt  man
die notwendige Hygiene geboten und
meist ist das Dehnen ein kostenloser
Service  wenn  der  danach  ohnehin
benötigte  Schmuck  der  nächsten
Stärke direkt vor Ort gekauft wird.
Die Vorbereitung
Das Dehnen an sich lässt sich mit der
richtigen Vorbereitung recht unkom-
pliziert  gestalten.  Das  Einweichen
der  Haut  mit  heißem  Wickel  oder
Bad  ist eine gute Vorbereitung. Das
erhöht  die  Dehnbarkeit  und  fördert
die Durchblutung, die Haut entspan-
nt sich.
Für  Intim  oder  Brustwarzen-Pier-
cing empfehlt sich ein Bad zu neh-
men,  Piercings  im  Gesicht  können
mit einem getränkten Handtuch ein-
geweicht  und  dabei  auch  massiert
werden. Mindestens 2 bis 4 Minuten
sollte man sich dafür Zeit nehmen –
je länger, desto besser!
Anschließend  oder  schon  während
des Einweichens und sanften Massie-
rens,  sollte man  sein  Piercing  kon-
trollieren.  Gibt  es  evtl.  noch  kleine
Risse oder Verletzungen, dünne oder
gespannte Stellen?  Ist die Haut ge-
rötet oder spürt man beim Berühren
einen  Druckschmerz? Wenn  all  das
nicht der Fall ist, kann man mit dem
eigentlichen Dehnen beginnen – an-
sonsten  tut man gut daran hier ab-
zubrechen  und  seinem Körper  noch
ein wenig Zeit zu geben. Das Dehnen
Um  seine  Dehnhilfe  (siehe  Seite
14:  Crescent,  Taper,  etc.)  besser
durch  den  Piercingkanal  zu  bekom-
men, sollte man Gleitgel verwendet.
Dieses sollte  jedoch vorher auf Ver-
träglichkeit geprüft werden und mög-
lichst auf Wasserbasis sein und steril
in  kleinen  „Portions-Einwegverpa-
ckungen“ abgepackt sein. Denn Hy-
giene ist beim Dehnen sehr wichtig.
Das gedehnte Piercing sollte wie ein
frisch  gestochenes  Piercing  behan-
delt werden. Auch während des Deh-
nens  ist darauf zu achten möglichst
jeden unnötigen Kontakt der Hände
mit  dem  Stichkanal  zu  vermeiden.
Geht man  zum  Dehnen  ins  Studio,
wird der Piercer ohnehin Handschuhe
tragen und die Dehnhilfe ist steril.
Das Gleitmittel  sollte vor dem Deh-
nen schon auf und in den Stichkanal
aufgetragen  werden,  dann  wird  die
Dehnhilfe  unter  behutsamen,  leich-
ten Druck mit  regelmäßigen Pausen
eingeführt. Wird  ein  Taper  verwen-
det,  so  ist  es  hilfreich  diesen  lang-
sam mit Gegendruck  zu  drehen.  Es
gilt  dabei  immer  darauf  zu  achten,
dass genug Gleitmittel vorhanden ist
um  ein unangenehmes Anhaften  zu
vermeiden. Geht es nicht mehr wei-
ter,  kann  es  hilfreich  sein  die  Seite
zu  wechseln  und  die  Dehnhilfe  am
anderen Ende des Stichkanals einzu-
führen. Je  länger der Stichkanal  ist,
desto  sinnvoller  ist  diese  Methode
um  ein  gleichmäßiges  Dehnen  und
bessere Beweglichkeit der Dehnhilfe
zu  gewährleisten. Man  arbeitet  sich
so von außen nach innen vor.
Nicht ungeduldig werden, das einzige
Limit ist in der Regel das Austrocknen
des  Gleitmittels;  es  kann  passieren
das dieses beginnt zu kleben, in der
Regel hält  es  aber  lange genug um
den Dehnvorgang abzuschließen.
Ist  es  geschafft,  Führt  man  mit
dem  Ende  der  Dehnhilfe  den  neu-
en  Schmuck  in  den  Kanal  ein.  Lei-
der bietet nicht  jede Dehnhilfe oder
Schmuck diese Möglichkeit des naht-
losen Einführens. Es sollte auf jeden
Fall  darauf  geachtet  werden  kein
scharfes  Gewinde  durch  den  frisch
gedehnten und sicher noch gereizten
Kanal  zu  führen.  Absolut  top  sind
hier  Schmuckstücke  mit  Innenge-
winde (internally threaded).
Das Reinigen
Eventuelle Rückstände des Gleitmit-
tels  rund  um  das  Piercing  sind mit
einem sauberem Tuch schnell besei-
tigt, ggf. vorsichtig die umliegenden
Bereiche waschen. Die Reinigung des
gedehnten Piercings sollte allerdings
mit  einem  wässrigen  Antiseptikum
wie  z.B.  Octenisept  vorgenommen
werden. Das kühlt die gereizte Stelle
ein  wenig  ab  und  desinfziert  diese
gleichzeitig.
Welcher Schmuck
Welcher Schmuck  ist  für das Tragen
direkt  nach  dem  Dehnen  geeignet?
Grundsätzlich gilt das gleich wie  für
den  Ersteinsatz  beim  Piercing.  Der
Schmuck sollte also mit Bedacht ge-
wählt werden. Plugs und Tunnels ver-
schließen oft den Stichkanal – aller-
dings braucht die gereizte Haut jetzt
Luft um zu heilen. Solide Ringe sind
ebenfalls nicht immer optimal, da sie
durch  ihr Gewicht  evtl.  vorhandene
Verletzungen  oder  Reizungen  im
Stichkanal  weiter  fördern  bis  Risse
entstehen. Das Gewicht lastet natur-
gemäß nicht gleichmäßig verteilt auf
den Stichkanal sondern konzentriert
sich  auf  eine  Stelle.  Von  schwerem
Schmuck  ist  also  abzuraten.  Abhil-
fe  schaffen hier hohle  oder –  leich-
ter  als Stahl – Titanringe. Sehr gut
geeignet sind ebenfalls Eyelets oder
Tunnel mit niedrigem Rand und  auf
jeden Fall ohne O-Ringe (Haltegum-
mies) – z.B. „Double Flared Eyelets“
(DFE).
Bezüglich des Materials ist zu sagen,
dass man seine Erfahrungswerte aus
dem Ersteinsatz seiner Piercings ein-
fießen  lassen  sollte,  hat man  gute
Erfahrungen  mit  Titan  oder  auch
Chirurgenstahl  gemacht,  empfehlt
es sich dabei zu bleiben. Kunststoffe
sind  eher  weniger  geeignet.  Prak-
tisch sind z.B. auch kleine Crescents
(SRE, ERE), diese  sind  in der Regel
nicht  zu  schwer  und  können  direkt
nach  dem  Dehnen  als  „Ersteinsatz“
getragen werden.
Teilweise  gut  geeignet  sind  eben-
falls  organische  Materialien  (z.B.
Holz) allerdings nicht alle Arten und
nicht jede Verarbeitung. Besitzt man
keine  Erfahrung  im  Umgang  mit
organischem  Material  als  Piercing-
schmuck, möchte aber  trotzdem et-
was mehr natürliches als Stahl oder
Kunststoff tragen, sollte man sich mit
diesem  Wunsch  vertrauensvoll  an
seinen Piercer wenden. Mit der Rich-
tigen Pfege und Behandlung  lassen
sich  sehr  gute  Ergebnisse  erzielen
und man kann die natürlichen Wirk-
stoffe  der  organischen  Materialien
für  sich  arbeiten  lassen  (dazu  evtl.
mehr in einer der nächsten EXPAND
Ausgaben).
Regenerierung
Ist  das  gedehnte  Piercing  ein  paar
Tage alt und macht keine Probleme,
kannst Du damit beginnen, die Haut
bei der Regenerierung zu unterstüt-
zen.  Es  gibt  die  verschiedensten
Tips  und  Tricks  für  die  jeweils  ver-
meindlich    beste  Pfege,  tatsächlich
aber  eine  allgemeingültige  Empfeh-
lung abzugeben, ist schwer. Mancher
mischt sich sein „geheimes Öl“ für die
Pfege zusammen (siehe Artikel Kala
auf  Seite  10-12),  andere  schwören
auf Kokosnuss-,  Jojoba- oder Raps-
Öl.  Um  Narbenbildung  zu mindern,
kommen  ebenfalls  die  unterschied-
lichsten Mixturen  zum  Einsatz.  Egal
ob  Teebaumöl  unverdünnt  oder  ge-
löst in heißem Wasser, verschiedene
Salben  und  Tinkturen  aus  der  Apo-
theke, jeder Tip beansprucht für sich
die beste Wirkung. Daher haben wir
lange  darüber  beraten  was  wir  an
dieser Stelle  dem  Leser  als  „heißen
Tip“ mit auf den Weg geben und wir
sind  auf  folgenden  gemeinsamen
Nenner gekommen:
ES GEHT AUCH OHNE!
Mit anständiger Pfege, leichten Mas-
sagen um die Durchblutung anzure-
gen und gesunder Ernährung, haben
wir  im Selbstversuch keine nachtei-
ligen Wirkungen feststellen können.
In der Regel war nach 6 Wochen die
neue Schmuckgröße entspannt trag-
bar und nach 8 bis 10 Wochen war
dann die nächste Dehn-Session mög-
lich. Um die Langeweile in der Warte-
zeit zu vertreiben, läßt sich super ein
paralleles  „Dehn-Projekt“  anfangen
– aber Vorsicht! SUCHTGEFAHR!
Verletzungen
Scheiße  passiert,  daher  kurz  zum
„Worst-Case“:
Was tun wenn der Stichkanal verletzt
ist, es blutet oder schmerzt?
In  dem Moment,  in  dem  der Stich-
kanal  verletzt  ist,  sollte  man  das
Dehnen „vergessen“ und sich primär
um  die Wundversorgung  kümmern.
Sofort  wieder  zur  „gewohnten“
kleineren  Schmuckgröße  wechseln,
die  Wunde  reinigen  /  desinfzieren
mit  einem Antiseptikum. Halten  die
Schmerzen  ungewöhnlich  lange  an
oder blutet es stark, unverzüglich ei-
nen Arzt aufsuchen! Ansonsten gilt es
das verletzte Piercing wie ein  frisch
gestochenes zu behandeln – Du soll-
test entsprechende Erfahrungen mit
der Pfege des Piercing ja bereits ge-
sammelt haben.
Quellen-Verweise im Text
Autoren: Stephan Strestik und Thorsten Sekira
Expand Magazin #14Wildcat Deutschland GmbH

Ohr Piercing ABC

Diesen Artikel habe ich zusammen mit Magda (Wildcat Store MG) geschrieben:

Ohr Piercing ABC
Ohr Piercing ABC - Bild: Pictura Paedagogica Online, Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (DIPF), b0087750berl.

Wir wollen  in dieser Ausgabe des “expanded Piercing-ABCs” einmal das Unmögliche versuchen und alle gängigen Piercingarten des Ohrs  in einem Artikel behandeln. Obwohl oder gerade weil das Ohr ein so kleiner Teil unseres Körpers ist, weist es die vermutlich höchste “Piercingdichte” auf. Das Ohr selbst bietet aber auch durch seine unterschiedlichen Gewebearten und variantenreichen Formen einen idealen Platz für kreative Piercing- und Schmuckideen. Das Ohrpiercing Nummer Eins ist wohl das Lobe (Ohrläppchen). In den 80ern galt es noch als “Punk” und Rebellion, obwohl es  in den 50ern bereits der erste echte „Piercingtrend“ unserer Zeit gewesen war. Dieser erste Trend – und an der Stelle sollte man sich hinsetzen und dann weiter lesen – wurde ausgelöst durch Queen Mum, Königin Elisabeth II., die zu ihrer Krönung die volle Ausstattung der Kronjuwelen tragen wollte und sich dafür die Ohrläppchen durchstechen ließ. Sowohl das Königspaar als auch die Hochzeit waren damals große Ereignisse und der Ohrschmuck in aller Munde (Bilder Seite 13 links) – auf der ganzen Welt fanden sich Frauen zu „Piercingpartys“ zusammen (Bild ganz rechts) um auch den letzten Schrei in Sachen Mode – den Ohrring – mitzumachen.

Die Geschichte

Life - April 15-1957 - Ear Holes for Beauty
Life - April 15-1957 - Ear Holes for Beauty ... Danke an Paul King für diesen Zeitungs-Schnipsel aus dem LIFE Magazine

Es finden  sich  zahlreiche Belege  für den  Ohrschmuck  –  besonders  dem Lobepiercing  (Ohrläppchen). So findet man quer durch die Jahrhunderte geschmückte  Ohren  an  Portraits meist adliger, aber auch bürgerlicher Frauen – eher  selten auch an Männern: in Europa meist im 17. und 18. Jahrhundert, danach war es eher unüblich,  bzw.  selten  oder  „exotisch“.
So  waren  es  oft  Darstellungen  von Seefahrern  oder  Zeichnungen  von Naturvölkern  aus  Afrika,  Asien  und Amerika,  die Männer mit Ohrringen zeigten.  Seefahrer,  so  wird  überliefert,  trugen  goldene  Ohrringe, die  im Wert etwa dem eines  christlichen  Begräbnisses  entsprachen.
Sie  sollten,  falls der Seemann nach einem  Unglück  tot  an  Land  getrieben und von Christen gefunden würde, sein Begräbnis fnanzieren. Eine solche  „Funktion“  des Ohrschmucks war nicht neu,  im Mittelalter war es zum Beispiel bei einigen Zünften üblich,  die  Zugehörigkeit  durch  einen Ohrring auszudrücken. Auch der war meist aus Gold und diente dem Bestatter  als  Entlohnung  im  Todesfall.
Es diente aber auch als Erkennungsmerkmal,  so wurde er  z.B. bei Verstößen gegen die Zunftordnung (also Unzünftigkeit)  ausgerissen,  was wohl den Begriff „Schlitzohr“  für ein Schandmal prägte.
Wann genau und von welcher Kultur das erste Mal ein Ohrloch gestochen wurde, ist nicht auszumachen, allerdings weiß man, dass schon die frühesten Kulturen wie die Sumerische oder die Babylonier ihr Ohrläppchen schmückten.  Interessant  ist  auch, dass auf  jedem Kontinent unabhängig  von  der  Kultur  Zeugnisse  von Ohrpiercings  zu  fnden  sind,  der Ohrschmuck  sich  also  unabhängig voneinander entwickelte oder seinen Ursprung weit vor jeder Geschichtsschreibung  hat  und  einfach  „schon immer“ da war.
In  traditionellen  Kulturen  wurden Piercings  im Ohr oft  in  religiöse Zeremonien wie  z.B. Geburt,  Pubertät oder die Heirat eingebunden. In einigen Bereichen  des  Hinduismus  wird  dem Neugeborenen  zwölf  Tage  nach  der Geburt bei der Zeremonie der Namensgebung ein kleiner Stecker oder Ring in  die  Ohrläppchen  und  Nase  eingesetzt.  Bei  männlichen  Babys  wurde “weiblicher”  Schmuck  eingesetzt  um die  „bösen  Geister”  zu  irritieren  und von dem Kind fernzuhalten.
Die  bisher  ältesten  Ohrringe  wurden in  der  Stadt  Chifeng  in  der  Inneren Mongolei  ausgegraben  und  auf  ein Alter  von  7.500  bis  8.200  Jahre datiert.  Die  Ohrringe,  von  denen mehrere Paare gefunden wurden, sind aus Jade und 2,5 bis 6 cm groß.
In der Literatur stößt man immer wieder auf den  „Ohrring“  –  schon  in der Bibel  ist  die  Rede  davon.  Allerdings gibt  es  die  unterschiedlichsten  Interpretationen und Übersetzungen, so ist von Ohr- und Kopfspangen die Rede, mal  auch  von Ohrringen.  In  evangelischen  Gebieten  Deutschlands  galt der Ohrring lange als „katholisch“ verpönt, andere Christen lehnen ihn ganz ab, da man wie auch beim Tattoo dem Körper Schaden zufügt – wieder andere schmücken sich aus religiösen Gründen mit Tattoos und Ohrringen. Lassen wir also die Bibel mal außen vor!
Ein  sehr  interessantes  Buch  ist  das Lese-  und  Lehrbuch  „Bilderfbel  zur Beförderung  der  Laut-Methode“  von Johann Ferdinand Schlez aus dem Jahre  1809/1810,  das  in  einem  Kupferstich  (Bild  oben)  den  Piercingvorgang  an  sich  zeigt, wie  er  zu  der Zeit wohl üblich war. Der Kupferstich ist von Johann Conrad Susemihl.
In der Beschreibung zu dem Bild heißt es: „Ein eitles Mädchen läßt sich Ohrenlöchelchen stechen. Die alte Frau da, mit der Brille sagt ihr zwar: Wozu sollen die Löcher in den Ohren? Hättest du sie mit zur Welt gebracht: so würd‘  es  Jedermann  für  einen  Fehler gehalten haben. Die frisch gestochenen  Löchelchen  werden  dir  weh thun [Anm.d.Red.: thun = tun – alte Schreibweise] bis sie ausgeheilt sind und die Ringelchen  darin  können  sogar  gefährlich werden. Wenn du kleine Kinder wartest  [Anm.d.Red.: warten =  hüten oder auch babysitten] und es greift eines hinein;  so  schlitzt  es  dir  die  Ohren aus.  Überdies  merke!  Wer  keine Ohrenlöchelchen  hat,  braucht  auch keine  Ohrenringe  und  erspart  sein Geld…
Das hilft aber nichts! Das Mädchen, sonst bei jedem Nadelstich empfndlich,  will  aus  Eitelkeit  den  zehnmal größern  Schmerz  gern  dulden.  –  Je nun,  sagt  die  alte  Frau,  wenn  du willst, so bin ich bereit; aber kreische mir nicht, wenn ich steche; denn es thut weh! – Nein, das will ich auch nicht! sagt das Mädchen.
Frisch legt es das Ohr auf das untergehaltene Stückchen Rübe. Die Frau hat den Pfriemen in der Hand und sticht.
[Anm.d.Red.: Ein Pfriem ist ein langes, konisches, rundes  Stück  Eisen,  oft  am  Klappmesser  befestigt; auch bekannt als: Ahle oder Marlspieker] Das Kind hält Wort. Es kreischt nicht; aber es quickt doch beim Stiche  i!  i!
– Wie  sieht  der  Buchstab  aus,  der  i lautet? Sucht  ihn auch  im Buche auf!
– Lernt an dem Mädchen, wie man den Schmerz überwinden kann.“
Man  sieht,  schon  damals wurde  dem Piercingwilligen  ins Gewissen geredet und  erst  nach  einer  Aufklärung  über die Risiken eine klare Einverständniserklärung  abverlangt  –  grob  gesagt, hat  sich  in  den  letzten  200  Jahren nicht  viel getan –  außer natürlich  im medizinischen Bereich des sterilen Arbeitens und der Nachsorge sowie eine Optimierung  der  Arbeitswerkzeuge und des eingesetzten Schmucks.
Es sind aber nicht nur Lobepiercings historisch belegt. Man  fndet  in  verschiedenen  frühen Kulturen  durchaus  auch  andere  Piercings, darunter auch einige Ohrknorpelpiercings. So fndet sich das Helixpiercing (äußerer Knorpelrand) schon sehr  früh  auf  beinahe  jedem  Kontinent.  Die  Dayak  aus  Borneo  trugen damals wie  heute  Eckzähne  von  Bären im oberen Bereich des Ohres. Die Mütter von Kriegern der Lmasala (ein Klan der Samburu – Kenia) tragen die Beschneidungs-Ohrringe  ihrer  Söhne im Helix während diese auf der  Jagd sind oder  in den Kampf ziehen. Auch andere Knorpelpiercings wie  z.B. das Conch  (Ohrmuschel)  fndet  man  bei den  Mangebetu  im  nördlichen  Zaire (Demokratische Republik Kongo). Übrigens  kann man  „Conch“ mit  einem weichen  „ch“  am  Ende  (wie  „Elch“) oder hart mit einem „k“ (also „konk“) aussprechen.
[Anm.d.Red.: die legendäre französisch anmutende Aussprache des Labretpiercings als „Labree“ ist defnitiv falsch. Es stammt aus dem Lateinischen und wird gesprochen wie man es schreibt – mit hartem „t“ (deutsch oft „tt“ – wie „Bett“) – Labret!] Aber  nicht  alle  Ohrknorpelpiercings haben  einen  kulturellen  Ursprung. Die meisten sind eine „Erfindung“ der Neuzeit.

Body Play v1 n4 - Eric Dakota
Body Play v1 n4 - Eric Dakota

Ein  Pionier  auf  diesem Gebiet  ist  Erik Dakota, der als erster zahlreiche Piercings  dokumentierte  und  ihnen  teils auch die Namen gab (Bild unten).
Piercings wie das Daith, Ear-Orbital, Rookpiercing und Industrial Ohr-Projekte.  Erstmalig wurden  diese  Piercings  im  November  1992  auf  dem Lehrgang  „Fakir  School  of  Professional  Body  Piercing“  vorgestellt  und dann im Body Play Vol.1, No. 4 einem (für  die  damaligen  Verhältnisse) breiten Publikum vorgestellt. Ähnlich verhält  es  sich  mit  anderen  „neuen Piercings“, die bis vor 10  Jahren meist  zuerst  im  PFIQ  (Piercing  Fan International Quarterly, 1977-1998) Magazin erwähnt und mit einem Namen bedacht wurden. Heute hat diese Rolle größtenteils wohl BME (Webseite) oder die großen „Conferences“ (Lehrgänge wie z.B. APP Conference in Las Vegas) übernommen.

Anatomie

„Das  Ohr“  ist  [Anm.d.Red.:  „Das  Ohr“ hier  in  Anführungszeichen,  da  das  Ohr  umgangssprachlich  oft  nur  das  Außenohr  (Auris externa) bezeichnet,  tatsächlich aber das Mittel-  und  Innenohr  einschließt],  wie  wir  ja alle  sicher  schon  beobachten  konnten,  bei  jedem  Menschen  anders geformt.  Ausschlaggebend,  ob  wir große,  kleine,  anliegende  oder  abstehende Ohren haben, ist die Form unseres  Knorpelgewebes.  Funktional  ist  das  Außenohr,  besonders die  Ohrmuschel  eine  Art  richtungsselektiver Hörflter.
Die zahlreichen Erhebungen und Vertiefungen der Ohrmuschel bilden jeweils akustische Resonatoren, die bei Schalleinfall  aus  einer  bestimmten Richtung  angeregt  werden.  Hierdurch entstehen richtungsabhängige Minima  und  Maxima  im  Frequenzspektrum  durch  deren  Auswertung das  Gehör  unterscheiden  kann,  ob Schall von vorne, hinten, oben oder unten  kommt.  Dessen  sollte  man sich  bewusst  sein  bevor  man  sich dort piercen lässt. Die Entnahme von Knorpelgewebe  (Punch)  und  besonders  der  getragene  Schmuck  können das Hören beeinfussen – meist zum negativen, die Natur an sich ist ja  schon  relativ  „perfekt“  und  nur schwer  zu  verbessern;  obwohl  es dazu  noch  keine  wissenschaftlichen Untersuchungen gibt.
Der untere „feischige“ Teil des Ohrs wird als Ohrläppchen (Lobe; lat. Lobulus auriculae) bezeichnet und hat ebenfalls  eine  akustische  Funktion, nämlich  die  eines Resonanzkörpers.
Es  kann  frei  hängend  oder  angewachsen  sein.  Die  angewachsenen dürften seltener sein, da sie als genetisch rezessiv gelten – das genetisch dominante,  freie  Ohrläppchen  setzt sich also in der Vererbung durch. Das Ohrläppchen  ist  in den meisten Fällen relativ schmerzunempfndlich. Im Gegensatz  zum  Ohrknorpelgewebe ist das Ohrläppchen gut durchblutet, was  auch  einer  der  Gründe  für  die vergleichsweise schnellere Abheilung der  Piercings  dort  ist. Das  gesamte Ohr  kann  also  als  Sinnesorgan  gesehen werden.  Neben  dem  Hörsinn dient  es  aber  auch  dem  Tastsinn, nämlich als „erogene Zone“. Freilich ist  das  von Mensch  zu Mensch  unterschiedlich,  eine  besondere  Empfndsamkeit des Ohrs lässt sich aber nicht von der Hand weisen und auch hier können Piercings zu veränderter Wahrnehmung führen!

Anatomie der Ohrmuschel
Anatomie der Ohrmuschel

Die Form der Ohrmuschel wird durch den  Ohrknorpel  (Cartilago  auriculae)  geprägt,  der  aus  einem  Stück besteht. Er besteht aus elastischem Knorpelgewebe,  welches  einen  hohen Anteil an Kollagenen (miteinander verfochtenen Faserbündeln) hat, die  ihn  stabil und gleichzeitig durch gelbliche,  elastische  Fasern  fexibel machen.  Knorpelgewebe  hat  keine eigene  Blutversorgung,  da  es  beim erwachsenen Menschen frei von Gefäßen  und  Nerven  ist.  Daher  muss die  Ernährung  der  Zellen  über  eine Diffusion  erfolgen.  Dafür  zuständig  ist beim elastischen Knorpel die Knorpelhaut  (Perichondrium):  eine straffe  Schicht  aus  spezialisiertem Bindegewebe,  die  wiederum  durch die ihr angrenzenden Blutgefäße die Knorpelzellen versorgt.
Die  sensible  Innervation  (Innervation = Versorgung von Organen oder Körperteilen  mit  Nervenfasern)  erfolgt durch verschiedene Nerven vor und hinter dem Ohr.
Das Ohr  an  sich  ist  also  sehr  empfndlich,  trotzdem  verlaufen  keine großen Nerven durch oder nahe am Ohr.  Die  Horrorstory,  man  könne z.B.  durch  ein  Traguspiercing  einen großen Nerv oder eine große Arterie verletzen, ist falsch. Man müsste den Tragus  schon  extrem  unsachgemäß piercen um in die Tiefe und Lage der größeren Nerven oder Blutgefäße zu kommen.  Das  Gleiche  gilt  für  den getragenen  Schmuck,  der  müsste schon sehr unglücklich gewählt sein und schlecht sitzen, damit er Druck auf diese Gefäße ausüben kann. Anders  sieht  das  beim  Schlafen  aus –  man  sollte  es  möglichst  vermeiden länger auf „hartem“ Schmuck zu schlafen, der Druck auf den Bereich hinter oder vor dem Ohr ausübt.
Das  Ohr  ist  eine  der  wenigen  Körperstellen,  die  nahezu  fettfrei  ist; es besitzt allerdings Muskeln. Diese „Stellmuskeln“, die bei vielen Tieren die Ohrmuschel in der Richtung verstellen können, sind beim Menschen allerdings  weitgehend  zurückgebildet. Sie befnden  sich an der Rückseite des Ohrs und am Rand. Diese können  natürlich  bei  verschiedenen Piercings  „getroffen“  werden,  was die Abheilung verzögert, aber in der Regel unkritisch ist, da die „aktivierbaren Muskeln“, die die Ohrmuschel nach hinten und oben bewegen nicht an  typischen  Piercingstellen,  sitzen.
Nichtsdestotrotz,  kann  durch  das Piercen die muskuläre Beweglichkeit der Ohren eingeschränkt werden!
Die  arterielle  Blutversorgung  des Ohres erfolgt aus Ästen der hinteren Ohrschlagader  (Arteriae  auricularis posterior)  und  der  oberfächlichen Schläfenarterie  (Arteria  temporalis superfcialis), die untereinander eine Vielzahl  von  Queerverbindungen aufzeigen.  (Diese  Art  der  Queerverbindungen  werden  Anastomosen genannt  –  das  sind  Verbindungen zwischen  zwei  Blutgefäßen,  die  bei Ausfall eines Gefäßes für einen Umgehungskreislauf  sorgen,  sodass  es nicht  zur  Nekrose  des  versorgten Gewebes  kommt.)  Verletzungen oder  Unterbrechungen  (z.B.  durch Punches) der Blutgefäße werden am Ohr also größtenteils „verziehen“ und haben  keine  schwerwiegenden  Folgen. Das gesamte Außenohr ist also über zahlreiche Gefäße mit Blut versorgt,  somit  gehen  Ohrpiercings  in den seltensten Fällen unblutig aus.

Abheilung

Bei  der  Abheilung  unterscheidet sich das Lobepiercing (Ohrläppchen) stark von allen Knorpelpiercings. Die gute  Durchblutung  des  Ohres  lässt die  Bereiche  ohne  Knorpel  schnell und meist problemlos verheilen.
In  den  Bereichen,  wo  ein  Knorpel durchstochen  wurde,  ist  genau  das Gegenteil  der  Fall.  Diese  Piercings brauchen  ungleich  länger  und  machen  öfter  Probleme. Die  Abheilzeit von Knorpelpiercings hängt von verschiedenen  Variablen  ab.  Eine  der wichtigsten ist die individuelle Wundheilung,  dazu  kommt  die  Art  und Struktur des Gewebes, also die Knorpeldichte. So gibt es Menschen, die einen  sehr weichen  Knorpel  haben, was  die  Abheilung  sehr  begünstigt.
Andere  wiederum  haben  eine  hohe Knorpeldichte, was sich negativ bzw. verlangsamend  auf  die  Abheilung auswirken kann, da der vom Knorpel ausgeübte Druck die Abheilung verringert. Aus diesem Grund ist die Angabe der Heilphase mit drei bis sechs Monaten sehr „schwammig“, weil man es  nicht  so  zuverlässig  vorhersagen kann wie bei anderen Piercings.
Auch  das  Schlafverhalten  hat  einen großen Einfuss auf die Abheilung. So lässt sich beobachten, dass Personen die das Piercing an dem Ohr haben auf dem sie meistens schlafen, länger für die  Heilung  benötigen  als  Leute  die ihre “Nichtschlafseite” wählen oder darauf acht geben das Piercing über die Nacht  nicht  zu  belasten.  Die  auftretenden Probleme sind dabei vor allem eine  langsamer  abklingende  Schwellung und eine  länger anhaltende Rötung der betroffenen Stelle. Ebenfalls häufger  als  bei  anderen  Piercings treten  am  Ohrknorpel Wildfeischwucherungen  auf,  da  das  Gewebe  sehr empfndlich  auf  Hängenbleiben  oder mechanische Belastung reagiert. Dies führt  zu  kleinen  Rissen  oder  Verletzungen am Stichkanal  in  Folge derer der  Körper  angeregt wird  Narbengewebe  zu bilden. Diese Belastung des Stichkanals  wird  nach  Abschwellen des frischen Piercings durch den überstehenden,  längeren  Schmuck  des Ersteinsatzes  begünstigt.  Es  ist  also empfehlenswert  den  langen  Ersteinsatzschmuck    direkt  nach  dem  Abklingen  der Schwellung  durch  seinen Piercer anpassen zu lassen.
Eine andere Risikoquelle sind „Fremdkörper“.  Man  sollte  darauf  achten, dass das frische Piercing nicht mit den Haaren, dem Telefon oder Kopfhörern in Kontakt kommt. Darüber hinaus ist Hygiene wichtig: bevor man das Piercing anfasst, sollte man sich immer die Hände  waschen  –  ein  „Kontrollgriff“, ob noch alles  sitzt,  ist kontraproduktiv. Zur Kontrolle ist es besser auf den nächsten  Spiegel  zu warten  und  nur einen Blick zu „riskieren“. Was für einen selbst gilt, gilt natürlich für andere Personen um so mehr – das Ohr liegt ja recht offen und exponiert, das kann andere Leute oder Kinder schnell dazu verführen diesen für sie „seltsam platzierten“ Schmuck anzufassen und mit den Händen zu „bestaunen“ – da hilft dann  nur  Vorsicht  und  Voraussicht  – Kinder nicht auf den Arm nehmen und Erwachsene vorab  informieren: „bitte nur gucken, nicht anfassen“!
Grundsätzlich empfehlt sich als Ersteinsatz ein möglichst gerades Schmuckstück (Barbell oder Labretstecker  bzw.  Micro-Banane, wenn  es  die  Anatomie  so  vorgibt), da  ein  Ring  die  Abheilung  zweifach ungünstig beeinfusst – einmal durch die  größere  Belastung  wegen  des gebogenen  Schmucks  im meist  geraden Stichkanal und dann natürlich durch  die  Gefahr  des  Hängenbleibens  und  die  Bewegung  durch  das Baumeln,  Wackeln  oder  Mitschwingen des Rings.

Stechen, Punchen oder Schießen?

Da  es  verschiedene  Möglichkeiten und Methoden  gibt  zu  seinem Ohrpiercing  zu  kommen,  stellt  sich  die Frage  nach  der  optimalen  Lösung.
Grundsätzlich gibt es nie einen einzigen,  richtigen  Weg,  aber  es  gibt schon  Vor-  und  Nachteile  der  einzelnen Methoden und die wollen wir hier einmal beschreiben:

Ohrloch Schießen

In  den  sechziger  Jahren  wurde  die Ohrlochpistole erfunden, die machte das Schießen  von Ohrlöchern  leichter und sorgte damals für eine weite Verbreitung dieses Schmucks. Dabei wurde  eine  Vorrichtung  mit  einem Ohrstecker  „geladen“  und  mittels einer  gespannten  Feder  durch  das Ohrläppchen  getrieben.  Das  Prinzip wurde  von  Markierungsgeräten  der Viehzucht übernommen.
Was früher Gang und Gebe war, nämlich sich sein „Ohrloch“ beim Juwelier schießen zu lassen, ist heute verpönt, da die ausführenden Betriebe keine nötige Fachkenntnis  in Sachen Piercings besitzen  und  so  mit  Komplikationen oft  überfordert  sind.  Darüber  hinaus verlockt  die  „einfache  Handhabung“ immer  wieder  dazu,  das  Gerät  auch für Knorpelpiercings einzusetzen.
Zudem wird, verglichen mit einer Piercingnadel, mit  einem  recht  stumpfen Gegenstand  (Schmuck;  Ohrstecker) ein  Loch  in  das Gewebe  geschossen, was unsaubere „ausgefranste” Wundränder zur Folge hat und beim Einsatz am  Ohrknorpel  zu  Knorpelschäden und  Hämatomen  führen  kann.  Bleibt ein Othämatom (Schwellung der Ohrmuschel)  unbehandelt,  so  entwickelt sich  eine  dauerhafte  Entstellung  des Ohres, was der Fachmann als „Ringerohr“ (auch „Boxerohr“ oder „Blumenkohlohr“) bezeichnet.
Ein weiterer und vielleicht wichtigerer Grund, der gegen das Schießen von Ohrlöchern spricht,  ist die Tatsache, dass  die  dafür  verwendeten  Geräte hygienisch in der Regel nicht vertretbar  sind,  da  diese  nicht  vollständig sterilisiert werden können. Auch wenn die Pistolen die Haut nicht direkt berühren,  ist durch die Keimaufwirbelung beim „Aufschlag“ des Schießens eine  Kreuzkontamination  mit  verschiedenen Krankheiten nicht auszuschließen. Es gibt inzwischen Weiterentwicklungen der Ohrlochpistole mit Einwegeinsätzen  und  „Handbetrieb“ ohne Feder. Wenn solche Geräte korrekt benutzt und aufbereitet werden, sind sie unbedenklich, allerdings bietet kaum ein Juwelier oder Schmuckgeschäft  die  entsprechenden  Rahmenbedingungen für ein fachgerecht ausgeführtes  Piercing.  Ein  weiterer Nachteil ist, dass der „geschossene“ Schmuck meist keinen optimalen Ersteinsatz darstellt.

Das Stechen

Das Stechen mit  der Braunüle  (Venenverweilkanüle;  Hohlnadel  mit Plastik-  oder  Tefonüberzug)  oder der  Needle  Blade  (Piercing-„Nadelklinge“,  die  mit  dem  Schmuck durchgeschoben  wird)  sind  mittlerweile  die  gängigsten  Methoden  um ein Ohrpiercing  zu bekommen. Aufgrund des scharfen Schliffs entsteht ein sehr sauberer Wundrand, was die Abheilung  im  Vergleich  zum  Schießen stark begünstigt. Diese Methode ist  entgegen  der  weit  verbreiteten Meinung weniger schmerzhaft als das Schießen und geht, was den Stich betrifft, genauso schnell.
Durch  den  Facettenschliff  der  verwendeten Nadeln wird das durchstochene Gewebe geschnitten und zum größten  Teil  verdrängt,  das  umliegende  Gewebe  drückt  also  auf  den Stichkanal, was im Falle eines durchstochenen Knorpels unangenehm ist und  die  Heilung  verzögert. Der  angrenzende  Knorpel  verdichtet  sich und  im  Stichkanal  bildet  sich  Narbengewebe.
Vom hygienischen Standpunkt ist das Stechen  zu  empfehlen. Nadeln  sind Einwegprodukte  und  werden  nicht wieder verwendet. Zum einen eben, weil  die  Aufbereitung  teurer  ist  als eine  Neuanschaffung,  zum  anderen verliert eine Nadel durch  ihren sehr feinen Schliff schon nach dem ersten Gebrauch an Schärfe und kann sich geringfügig  verformen.  Ein  mehrfacher Gebrauch selbst am gleichen Körper ist nicht ratsam!

Das Punchen

Die  Bezeichnung  „Punchen“  kommt vom  englischen  „Dermal  Punch“ (Hautstanze). Das beschreibt eigentlich auch schon die Methode – es wird mittels einer Hohlnadel Gewebe herausgestanzt.  Die  verwendeten  Nadeln sind Einweg-Biopsienadeln, welche im Gegensatz zur Braunüle nicht spitz, sondern  rund, fach und sehr, sehr scharf sind, was den Schmerzfaktor reduziert. Die Punches sind in der Regel bis 8 mm verfügbar.
Der Punch wird besonders bei Knorpelpiercings  eingesetzt.  Obwohl  die Methode meist blutiger ist als die des Stechens, ist die Abheilung durch den geringeren  Gewebedruck  auf  den Stichkanal angenehmer und braucht in  der  Regel  nur  ca.  die  Hälfte  der Heilzeit.  Empfehlenswert  ist  diese Methode auch bei Kunden, die  sehr häufg  Probleme  mit  Wildfeischwucherungen haben, da sich auch diese so minimieren  lässt. Durch  die  auftretende Blutung bildet sich um das Ein- und Ausstichloch eine Blutkruste die in der Regel in den ersten drei bis fünf Tagen von alleine abfällt.
Solange  diese Kruste  vorhanden  ist, sollte man  auf  anstrengenden  Sport verzichten  und  nicht  knibbeln  um Nachblutungen  zu  verhindern.  Ansonsten  ist die Pfege wie bei einem normal  gestochenen  Piercing.  Das Punchen ist entgegen vieler Befürchtungen  oft  weniger  schmerzhaft  als man denkt und der Abheilprozess  ist angenehm und meist  komplikationsfrei.  Gerade  bei  anspruchsvolleren Knorpelpiercings  wie  z.B.  dem  Industrial,  dichten  Knorpeln  wie  der inneren  Ohrmuschel  oder  größeren Schmuckgrößen  ist die Punchtechnik eine gute Wahl.

Die Ohrakupunktur

In der Akupunktur spielt das Ohr eine wichtige Rolle. Basierend auf der Theorie, dass der gesamte Körper in der Ohrmuschel repräsentiert ist, sind auf der  Ohrmuschel  über  200  Akupunkturpunkte beschrieben von denen 50 häufg benutzt werden. Die Projektion des Körpers auf die Ohrmuschel entspricht  dabei  der  Form  eines  Fötus, der sich mit dem Kopf nach unten in Embryonalstellung befndet. Das Ohrläppchen  entspricht  also  dem  Kopf, der  Antihelix  der Wirbelsäule  und  in der  inneren Ohrmuschel sind die Organe abgebildet. Beine und Arme befnden  sich dann  zwischen Helix und Antihelix (siehe Bild unten).
Durchstöbert  man  das  Netz  nach Informationen  zu  Ohrpiercings  und Akupunktur  fndet man  ein  heilloses Durcheinander  von  sich  widersprechenden  Aussagen. Klar mischen  da auch solche mit, die die Wirkung von Akupunktur generell in Frage stellen.
Ein  sich  abzeichnender  Konsens  der „ordentlichen“  Quellen  sieht  wohl  so aus, dass durch Piercing Akupunkturpunkte verdrängt/verschoben werden und  der  Piercingschmuck  und  Stichreiz  keine  Auswirkung  auf  die  korrespondierende Körperstelle hat. Durch Punchen  werden  Akupunkturpunkte entfernt und sind damit „verloren“.
Selbst  nach  dem  Entfernen  des Schmucks  können  die  verbleibenden Narben  „Störfelder“  für die Akupunktur darstellen und auch weitere, umliegende  Akupunkturpunkte  beeinfussen.  Soweit  die  „seriösen“  bzw. ernst  zu  nehmenden  Quellen  bzgl. Akupunktur.  Da  einem  Akupunkteur ein  ungepierctes  Ohr  lieber  ist,  sind die Angaben mit Vorsicht zu genießen –  tatsächliche  Studien  dazu  gibt  es unseres Wissens nicht!
Die medizinische Literatur zum Thema ist  auch  eher  spärlich  und  da  wir  in Sachen Akupunktur keine  Interpretation  oder  Erklärung  vornehmen  können  und wollen,  haben wir  die wichtigsten Stellen einmal heraus gesucht und wollen diese hier unkommentiert zitieren:

Aus  dem  Lehrbuch  von  Markus  Bäcker,  Jürgen Bachmann, Michael Hammes: „Akupunktur in der Schmerztherapie“. Elsevier, Urban & Fischer:

„Ohrschmuck  oder  Verletzungen  an der  Ohrmuschel  (Piercing)  können über  verletzte  Ohrakupunkturpunkte Dauerreize, z.B. Kopfschmerzen, verursachen“.

Aus dem Lehrbuch von Manfred Angermaier: „Leitfaden Ohrakupunktur“. Elsevier, Urban & Fischer:

„Ohrringe/Piercing:  können  als  Störfaktoren  wirken;  in  jedem  Fall  sind zumindest  die  Ohrringe  (Piercing  in der  Regel  nur mit  Zange  lösbar)  vor der  Behandlung  zu  entfernen  […]
5.9.3.  Ohrringe  […]  Akute Wirkung:
Geht der Ohrring durch einen pathologischen, irritierenden Ohrpunkt, dann tritt kurzzeitig ein therapeutischer Effekt ein. Dieser Effekt wird jedoch durch das Durchstechen der Ohrvorder- und -rückseite  abgeschwächt,  da  dadurch ein energetischer Kurzschluss auftritt.
Werden nicht pathologische Punkte gestochen erfolgt keine Reaktion.
Langzeitwirkung:  Nach  wenigen  Wochen  lässt  die  Wirkung  durch  einen Dauerreiz wie einen Ohrring nach (vgl. Dauernadel).  Der  Körper  adaptiert nämlich an den Reiz, vergleichbar der Adaption  an  Gerüche,  die  innerhalb von Minuten stattfndet.
Durch  das  Stechen  eines  Ohrloches zum  Anbringen  eines  Ohrrings  entstehen  in der Regel keine Krankheitssymptome. Wächst  das  Ohrloch  nach Entfernung  des  Ohrrings  nicht  mehr zu, ist der Punkt für die Ohrakupunktur verloren.
Je  mehr  Ohrringe  gesetzt  wurden, desto eingeschränkter wird die Therapiemöglichkeit.
5.9.4  Piercing  […]  Der  Piercingring verursacht aufgrund seines meist größeren  Durchmessers  einen  Substanzdefekt, der – v.a. bei Positionierung im Ohrknorpel – zu systemischen körperlichen Beschwerden führen kann.
Im  Gegensatz  zu  Ohrringen  können Piercingringe körperliche Beschwerden hervorrufen, die in Zusammenhang mit den gestochenen Punkten stehen. Beispiel: Piercing im Bereich der Antihelix (Repräsentationsareal der Wirbelsäule) kann zu Rückenbeschwerden führen. Piercingringe  an  anderen Körperteilen können wie Störfelder wirken (wie auch Narben).  Insbesondere  Nabelringe können das Energiesystem schwächen (analog zur Laparoskopienarbe).“

Aus dem Lehrbuch von Gabriel Stux, Niklas Stiller, Brian  Berman,  Bruce  Pomeranz:  „Akupunktur Lehrbuch und Atlas“. Springer-Verlag:

„Das  Ohrläppchen  lässt  sich  durch  3 horizontale und 2 vertikale Linien in 9 Areale unterteilen, deren Körperrepräsentanz hier aufgeführt wird: […] – Region  5: Auge  – Ohrpunkt  8;  diese  Region  liegt  in  der Mitte  des Ohrläppchens,  und  ist  die  Stelle,  an  der die  Ohrringöffnung  liegt.  Auf  Entzündungen  oder Reizzustände  sollte man an dieser Stelle achten.“

Die Ohr-Piercingarten

Ohr Piercingarten
Ohr Piercingarten

Im Folgenden möchten wir euch die gängigsten  Piercings  des  Ohrs  vorstellen und näher erläutern:

Antitraguspiercing

Das  Antitraguspiercing  wird  in  den kleinen  Knorpelknubbel  der  direkt gegenüber dem Tragus und unmittelbar über dem Ohrläppchen liegt gestochen. Dieses Piercing ist nicht bei jedem möglich und es ist oft eines der schmerzhaftesten Piercings am Ohr.
Das liegt mitunter an dem in diesem Bereich  liegenden Muskel  (Musculus antitragicus), der ist zwar weitestgehend ohne Funktion, kann aber beim Piercing getroffen werden, was eben schmerzhaft ist. Die Abheilung kann durch das Schlafen auf dem Ohr verzögert werden, da das Piercing gerade bei einer Schwellung weit außen ungeschützt am Ohr liegt.

Daithpiercing

Das  Daith  wird  in  die  Knorpelfalte direkt über dem Hörgang gestochen (Crus helicis). Diese Knorpelfalte  ist nicht  bei  jedem  Menschen  soweit ausgebildet, dass dieses Piercing gestochen werden kann. Die Abheilung ist durch die geschützte Lage meist komplikationslos.  Es  ist  ein  für  den Piercer anspruchsvolles Piercing und sollte  deshalb  nur  von  erfahrenen Piercern  gestochen  werden.  Daher auch  der  Name:  die  erste  Kundin, die das Piercing vom  „Erfnder“ Erik Dakota gestochen bekam, nannte es Daith nach dem hebräischen „Daath“ (Weisheit; Intelligenz). Die Aussprache müsste demnach mit einem geteilten,  langen  „a“-Laut  sein  (wie „da-af“) und nicht wie meist ausgesprochen  mit  einem  „ei“-Laut  (wie „deif“ – wobei das „f“ ein englisches „th“ ist) – aber das Thema Aussprache von Piercingnamen wird langsam müßig, interessant ist es trotzdem!

Helixpiercing

Das  Helixpiercing  wird  am  äußeren Knorpelrand  entlang  des  Ohres  gestochen und kann dort beliebig platziert werden. Als Schmuck kommen sowohl Ringe als auch kurze Barbells mit verschiedenen Aufsätzen in Frage. Das Helix sollte wie alle anderen Knorpelpiercings auf keinen Fall mit der Ohrlochpistole  geschossen werden, da gerade  an dieser Stelle die Gefahr  für  Knorpelschäden,  die  zur Deformation des Ohres und schweren Entzündungen  führen  können,  hoch ist.  Das  Piercing  sollte  gestochen oder  gepuncht  werden!  Während des Abheilens  sollte man  von Belastungen  des  Ohres  absehen  (nicht drauf  schlafen),  das  Helix  ist  eine sehr exponierte Stelle des Ohres.
Wird  das Helixpiercing  oben  an  der „Gesichtseite“  des  Ohrs  gestochen spricht man auch von einem  „Inner Helix“,  „Forward  Helix“  oder „Ear Head  Piercing“.  Der  letztere  Begriff stammt vom ersten dokumentierten (bekannten) Piercing an dieser Stelle  und wurde  von  Crystal  Cross  an Elayne  Angels  Ohr  gestochen.  An dieser Stelle des Ohrs befndet  sich übrigens auch ein Muskel, der „Musculus  helicis major“  –  diese  Platzie-rung  kann  also  ebenfalls  schmerzhafter  sein  und  problematischer  in der Abheilung.
Das  Helixpiercing  ist  in  vielen  Kulturen  bekannt  und  traditionell  verwurzelt. Während es oft „nur“ reiner Ohrschmuck ist, hat(te) es zum Beispiel bei den Dayak (alternativ Dajak oder Dyak)  eine  tiefere  Bedeutung.
Die Dayak sind übrigens kein einheitliches Volk, vielmehr ist der Name ein Sammelbegriff  für mehrere  hundert Volksgruppen  und  -stämme  der  Insel Borneo. Trug nun also ein Dayak-Krieger  Schmuck  aus  Bärenzähnen und Glasperlen im oberen Bereich des Ohrs (Helix), so war das ein Zeichen für einen besonders tapferen (erfolgreichen)  „Kopfjäger“  (als  Kopfjagdbezeichnet  man  die  Tötung  eines Menschen  um  dessen  Schädel  als Kraft bringende oder magische Siegestrophäe  zu  erbeuten).  Bekannt sind  (waren) die Dayak übrigens auch noch für anderen Körperschmuck. So sind bei einigen Volksgruppen spezielle  Tätowierungsstile  entstanden; bei  anderen Dayakstämmen  gab  es den Brauch, dass Männer einen „Penisstab“, einen so genannten Palang oder Apadravya, trugen und bei den Frauen  vieler  Dayak  Stämme  sind weit gedehnte Lobes mit Ear-Weights typisch. Wir werden also sicher noch das  eine  oder  andere  mal  auf  die Dayak zurückkommen!

Industrialpiercing

Das  Industrial  besteht  in  der  Regel aus zwei Helixpiercings, die durch einen  Barbell miteinander  verbunden werden. Durch diese Verbindung  ist es gerade in den ersten Monaten wesentlich anfälliger für Komplikationen als  andere  Ohrknorpelpiercings.  Es gibt  verschiedene  Arten  und  Herangehensweisen  das  Industrial  zu stechen. Die einen schwören darauf erst einzelne Helixe zu stechen, diese abheilen zu lassen und dann erst den  Stab  durch  beide  einzusetzen; andere halten das Gegenteil  für das Optimum,  die  Abheilung mit  einem langen Stab durch beide Piecings ist zwar  langwieriger,  dafür  ist  das  Industrial  dann  in  seiner  bleibenden Form  fertig  und  muss  nicht  durch anderen Schmuck ersetzt werden. In jedem Fall sollte es aber von einem erfahrenen  Piercer  gestochen  werden, da die Stichkanäle  im  exakten Winkel zueinander liegen müssen um unnötigen Druck auf den Ohrknorpel zu  verhindern.  Auch  minimale  Abweichungen können auf Dauer Wildfeischwucherungen  und  Schmerzen verursachen. Für ein  „Industrialprojekt“  empfehlt  sich  auf  jeden  Fall ein  Punch,  also  das  Entfernen  von Gewebe. Die Stichkanäle werden dadurch weniger „eng“ und lassen sich unkomplizierter verbinden.
Die Verbindung zweier unterschiedlicher Ohrknorpelpiercings wie  z.B.  dem  Helix  und  dem  Rook, dem  Inner  oder  Outer  Conch  wird ebenfalls Industrial genannt; ebenso verbundenen  Bauchnabelpiercings (Nabelindustrial).

Inner Conch

Das Inner Conch wird in der inneren Ohrmuschel gestochen. Es kann dort beliebig platziert werden, man sollte jedoch darauf achten, dass die Kugel von  der  Rückseite  nicht  gegen  den Schädel drückt. Da das Dehnen der inneren Ohrmuschel extrem unangenehm ist, wird dieses Piercing oft in der  gewünschten  Größe  gestochen bzw.  gepuncht.  Wenn  es  entsprechend  gestochen  wird,  ist  es  nach der  Abheilzeit  auch  möglich  einen großen  Ring  um  das  Ohr  oder  als „Orbital“ durch ein anderes Piercing hindurch zu tragen. Durch seine geschützte Lage ist die Abheilung meist unkompliziert,  beim  Stechen  ist  es jedoch oft schmerzhaft.
Als  Risiko  sollte  hier  auf  jeden  Fall die  mögliche  Beeinträchtigung  des Hörens genannt werden. Durch den veränderten  Schalleinfall  durch den getragenen  Schmuck  kann  es  zu Veränderungen  kommen  oder  eben zu einer Abdeckung des Gehörgangs.
Die eigentliche Hörfähigkeit wird aber nicht  beeinträchtigt. Da  es  sich  um einen Knorpel handelt, können auch hier durch  falsches Piercen  (Pistole) oder  Komplikationen  während  der Heilung  Knorpelschäden  und  Deformationen auftreten. Darüber hinaus besteht  bei  einer  starken  Infektion oder  Entzündung  dieses  Piercings die  Gefahr  einer  Gesichtslähmung; es existiert die Möglichkeit, dass sich eine Infektion über die Lymphen und das  Innenohr  auf  den  Gesichtsnerv ausbreitet.  Konkrete  Fälle  sind  uns aber nicht bekannt, es gibt  lediglich einen Bericht aus den USA in dem die Gefahr aber gebannt wurde nachdem die Frau nach Schmerzen und Taubheitsgefühl  im Gesichtsbereich beim Arzt  war.  Es  gilt  also  wie  bei  allen Piercings die Pfege ernst zu nehmen und  bei  Anzeichen  von  Komplikationen direkt zum Arzt zu gehen!
Eine Nebenwirkung ergibt sich ebenfalls durch den Schmuck, selbst mit Plugs  lassen sich oft (wie manchmal auch schon durch ein Traguspiercing)  keine  Knopfkopfhörer mehr tragen – aber der Klang ist bei großen Kopfhörern eh besser!
Das  Inner-Conch-Piercing  hat  übrigens  auch  einen  anthropologischen Ursprung,  die  Mangebetu  (Naturvolk/Afrika)  trugen  dieses  Piercing genauso wie die Gorak Naths  (Sadhu/Indien), woher auch der alternative  Name  „Sadu-Piercing“  kommt.
In  Indien  hat  das  Piercing  den  Namen  „Kanphati“,  was  gespaltenes Ohr  bedeutet  („Kan“ = Ohr,  „Phat“ = spalten).

Lobepiercing

Das  Lobepiercing  ist  allgemein  als „das Ohrloch“ bekannt. Es ist das mit Abstand häufgste Piercing und auch das einzige, welches bei uns (leider) zu  oft  schon  an  kleinen  Kindern  zu sehen ist.
Die  Abheilung  ist  meist  unkompliziert  und  schnell,  da  das  Ohrläppchen  (Lobulus  auricularis)  aus  gut durchblutetem Gewebe  besteht und keiner  besonderen  Körperspannung oder Beanspruchung unterliegt.
Die Platzierung  ist meist  (klassisch) mittig, wobei  auch  oft mehrere  Lobepiercings nebeneinander getragen werden – alle Piercings des Ohrläppchens bis an den Knorpel des Helixpiercings  heran  sind  Lobepiercings.
Dieses Piercing ist wohl das am meisten  gedehnte  Piercing.  Während die meisten Piercings nur bis zu ca. 10mm  gedehnt  werden  (können), fangen beim Lobe dort erst die  „interessanten  Größen“  an  für  die  es schönen  Naturschmuck  (Holz,  Glas, Stein,  usw.)  und  Motivplugs  gibt.
Nach  oben  sind  kaum  Grenzen  gesetzt,  bei  entsprechender  Veranlagung und Anatomie sind Größen von weit mehr als 50mm möglich. Ebenfalls je nach Veranlagung und Anatomie muss man allerdings beachten, dass  sich  selbst  beim  Dehnen  bis 10mm das Loch nicht wieder von alleine schließen muss.
Die  Veränderung  des  Ohrläppchens kann dabei permanent sein und sich nur  durch  einen  chirurgischen  Eingriff beheben lassen. Das gleiche gilt für den „Käseschneideeffekt“, der oft durch  zu  dünnen  und  zu  schweren Schmuck  verursacht  wird.  Möchte man sein Lobe dehnen um z.B. Plugs zu tragen, so besteht auch die Möglichkeit  das  Ohrloch  direkt  in  einer größeren  Größe  zu  stechen  oder mit  dem  Skalpell  entsprechend  zu schneiden.  Ein  Punch  kommt  dabei eher weniger zum Einsatz, da  jedes entnommene Gewebe beim späteren Dehnen fehlt!
Während  weiblicher  Ohrschmuck „schon  immer“ ein Teil unserer Kultur  war,  wurde  der männliche  Ohrring wohl erst durch die  Jugendkultur  der  80er  populär,  wobei  es  nie wirklich  eine Bedeutung bzw. Rückschluss auf die sexuelle Orientierung gegeben hat, ob ein Mann nun rechts oder links seinen Ohrring trug.

Orbital

Unter  einem  Orbital  versteht  man, ähnlich  wie  beim  Industrial,  zwei miteinander  verbundene  Piercings.
Dabei  sind Orbitals  statt mit  einem Stab mit einem Ring  (oder auch D-Ring)  verbunden.  Beide  Piercings sollten  vor  dem  Einsatz  des  Rings komplett  ausgeheilt  sein,  da  eine Heilung mit einem Ring anfälliger ist für  Probleme  (Hängenbleiben,  „mechanische Belastung“, usw.). Je nach Ohrform  ist  ein  Schmuckeinsatz  an verschiedenen Stellen und zwischen unterschiedlichen Piercings möglich, z.B. bei Helix, Lobe oder Conch.

Outer Conch

Das Outer Conch wird in der äußeren Ohrmuschel  gepierct.  Es  geht  zum Rand in das Helixpiercing über, liegt es  also  am  Rand  der  Ohrmuschel, spricht  man  von  einem  Helixpiercing. Wie bei allen Knorpelpiercings empfehlt  sich  auch  hier  das  Punchen, größere Punches sind im Outer Conch meistens gut möglich.
Analog  zum  „Sadu-Piercing“  der inneren Ohrmuschel ist ein alternativer Name des Piercings „Upper Sadu“.

Rookpiercing

Dieses  Piercing  wird  in  die  obere Knorpelfalten  zwischen  der  inneren  und äußeren Ohrmuschel (Crura antihelicis)  gestochen  und  geht nach unten  in  die  Platzierung  des  Snugpiercings  über.  Es  ist,  ähnlich  dem Daithpiercing,  eines  der  schmerzhaften  Piercings.  Dazu  kommt  eine relativ  langsame  Abheilung,  da  es sich auch dort um  sehr kompaktes, festes  Knorpelgewebe  handelt,  das sehr exponiert am Ohr liegt. Die Belastung  beim  Schlafen,  Telefonieren oder auch nur durch das „Drankommen“  im  Alltag  ist  nicht  zu  unterschätzen. Als Schmuck kann nach der Abheilung  sowohl ein Stab als auch ein kleiner Ring getragen werden.

Snugpiercing

Das Snugpiercing wird  in der äußeren  Knorpelfalte  der  inneren  Ohrmuschel  gestochen,  dem  Antihelix; daher  auch  der  alternative  Name unter dem viele dieses Piercing kennen–das Antihelixpiercing.
Auch dieses Piercing ist schmerzhaft und die Abheilung ähnlich dem Daith- und Rookpiercing langwierig.
Für  den  Ersteinsatz  empfehlt  sich je  nach  Anatomie  ein  gerader  oder leicht  gebogener  Stab.  Erst  nach vollständiger Abheilung und längerer „Wartezeit“ sollte dann ein Ring eingesetzt werden.

Traguspiercing

Das  Traguspiercing  ist  neben  dem Helixpiercing  wohl  eines  der  beliebtesten  Ohrknorpelpiercings  und wird  in  den  kleinen  „Knorpelhügel“ (Lamina  tragi)  an  der Gesichtsseite des  Ohrs  direkt  vor  dem  Hörgang (Tragus;  griechisch  „trágos“ =  Ziegenbock;  „Tragi“ = Haare  im äußeren  Gehörgang;  daher  auch  unter der  Bezeichnung  „Ziegenbock“  bekannt) gestochen.
Entgegen den Gerüchten ist es nicht möglich  den  Gesichtsnerv  durch dieses Piercing zu schädigen. Durch die Nähe  zu diesem  sollten Entzündungen  jedoch  schnell  behandelt werden um Risiken und Komplikationen im Vorfeld auszuschließen.
Ähnlich wie  beim Antitraguspiercing an der Gesichtsseite des Ohrs,  liegt auch beim Tragus ein Muskel  (Musculus  tragicus)  „im Weg“,  das  Stechen  kann  also  schmerzhafter  sein und  die  Abheilung  verzögert,  wenn dieser unglücklich getroffen wird.
Im  Traguspiercing  können  sowohl „Labretstecker“,  Barbells  als  auch Ringe getragen werden. Als Ersteinsatz empfehlt sich allerdings ein Labretstecker oder gerader Barbell mit kleinen Kugeln.
Das Traguspiercing kann auch vertikal gestochen werden, das  ist allerdings eine eher seltene Variante des Traguspiercings. Meistens handelt es sich bei derartigen Piercings um das so  genannte  Sideburnpiercing,  also ein Surfacepiercing, das  in die Haut vor dem Tragus gestochen wird. Das Vertical-Traguspiercing  wurde  zuerst von Luis Garcia gestochen bzw. dokumentiert.  Zum  Einsatz  kommt meist ein gebogener Barbell  (Banane; Curved Barbell).

Transverse Lobe

Das  Transverse-Lobepiercing  (auch „Horizontal Lobe“)  ist ein horizontales  Lobepiercing,  welches  –  anstatt von vorne nach hinten – von rechts nach links durch das Ohrläppchen gestochen wird. Es erfordert Erfahrung beim  Stechen  und  wird  meistens Freihand gestochen. Die Platzierung hängt  von  der  Form  des  Ohrläppchens ab und ist ein wenig variabel.
Der  Schmuck  sollte  der  Platzierung angepasst sein, es kann aber sowohl ein gerader, als auch ein gebogener Barbell  oder  sogar  (die  Ausnahme) ein großer Ring getragen werden.
Die Abheilzeit ist länger als beim normalen Lobepiercing, da der Stichkanal natürlich erheblich länger ist. Das Transverse Lobe sollte sehr mittig im Ohrläppchen  gestochen  sein,  da  es zu tief platziert leicht herauswachsen kann.
Dieses Piercing neigt aufgrund seiner Länge und der Lage des Schmucks zu Komplikationen, besonders an den Enden des Stichkanals, ähnlich einem Surfacepiercing.

Vertical Lobe

Das Vertical Lobe ist eine Kombination aus einem Antitraguspiercing und einem um 90 Grad gedrehten Transverse Lobe. Es wird mit einem langen Barbell senkrecht vom Antitragus zur Unterseite  des Ohrläppchens  gestochen.  Es  erfordert  ebenfalls  beim Stechen einen erfahrenen Piercer, da es genauso wie das Transverse Lobe bei falscher Platzierung herauswächst und  es  Freihand  gestochen  werden sollte. Die Abheilung ist in der Regel sehr  langwierig,  da  das  Piercing  einen sehr  langen Stichkanal hat und dazu durch einen Knorpel geht.
Es wird  in  der Regel  ein  langer  gerader Barbell getragen. Interessante Kombinationen  ergeben  sich  durch die  Kombination  eines  gedehnten Lobepiercings  und  der  Kombination mit  einem  entsprechend  bearbeiteten Tunnel durch den der Stab geführt werden kann. Es gibt auch die Variante, dass aus einem gedehnten Ohrloch nur zu einer Seite ein Transverse-Lobepiercing  gestochen  wird.
Wobei die Bezeichnung „Transverse“ irreführend  ist, aber von einem halben  Vertical-  oder  Horizontal-Lobepiercing will man da wohl auch nicht sprechen. Da diese Art des Piercings einher  geht mit  speziell  angefertigtem  oder  bearbeitetem  Schmuck, sind die auch entsprechend selten!

Quellen-Verweise im Text
Autoren: Stephan Strestik und Magda Zdralek
Expand Magazin #14Wildcat Deutschland GmbH